Preise über Preise für 'Wir Kinder der offenen See' von Virginia Tangvald! Die 1986 nahe Puerto Rico im Karibischen Meer geborene Tangvald begibt sich in ihrem autobiografischen Debüt auf die Spuren ihrer Familie. Sie versucht, den Mythos um ihren Vater Peter zu greifen zu bekommen. War er ein tragischer Held oder ein Monster? Peter Tangvald selbst kam 1991 bei einem Schiffbruch zusammen mit seiner 7-jährigen Tochter Carmen ums Leben, nur der 15-jährige Thomas überlebte, wird jedoch auch wie zwei der sieben Ehefrauen von Peter Tangvald auf See sterben.
Die Geschichte dieser umherziehenden Familie ist kaum zu glauben, und sie trifft ins Herz. Virginia Tangvald, deren Mutter vom Schiff floh, als das Mädchen zwei Jahre alt war, sucht nach ihrem Bruder Thomas, bereist die Häfen, liest das Tagebuch ihres Vaters, Presseberichte. Wir erfahren, dass Peter Tangvald seine Kinder regelmäßig in eine Kabine einsperrte. Sein rigoroser Ausbruch aus der zivilisierten Welt machte ihn zum einsamen Herrscher in einer abgeschlossenen Welt, deren Geheimnisse letztlich mit der ARTEMIS vor einer Küste zerschellten. Unglück oder verzweifelter Ausbruch aus einem als ausweglos erlebten Dasein?
Virginia Tangvald erzählt nicht chronologisch, der Roman reiht Versatzstücke ihrer Suche, Tagebucheinträge, Briefe aneinander. Dem Bericht der Suche folgte ich atemlos; die Reflexionen der Autorin, die sich wahrscheinlich mit der Ich-Erzählerin deckt, konnte ich nicht so recht annehmen. Während sie versucht, Halt in Liebesbeziehungen zu finden, bewegt sie sich hart am Kitsch und vertut sich hier und da mit unpassender Metaphorik. Ihrer Suche liegt ein tiefer Wunsch nach Trost und Heilung zugrunde. Peter Tangvald ist eine sehr eigene Variante toxischer Männlichkeit, die etliche Frauen und die Kinder zu Opfern machte. Virginia Tangvald versucht, ihre eigene Unbehaustheit zu befrieden, und dass sie meint, all ihren Frieden in einer Liebesbeziehung zu finden, tut weh. Ein Text, der dazu anregt, über die eigenen Sehnsüchte und Werte in einer maskulin-dominierten, virilen Welt nachzudenken.