Erzählungen über Herkunft, Exil und Neubeginn sind mit die stärksten Geschichten, die ich kenne. Als behütetes Kind auf dem Land war ich fasziniert davon, dass ein Teil unserer Verwandtschaft in einem anderen Land lebte, in der man zwar die gleiche Sprache sprach, aber in das ich und meine Eltern nicht einfach zusammen reisen konnten. Allenfalls konnte die Verwandtschaft uns besuchen. Noch krasser fand ich die Familiengeschichte meines Großvaters, dessen Familie nach dem Ersten Weltkrieg tief aus dem Osten zurück nach Deutschland kam und sich zum wiederholten Mal ein neues Leben aufbauen musste. Für mich waren es nur Geschichten, für die Erwachsenen zum Teil lebensbestimmend. Ruth Olshans Geschichte ist im Vergleich zu der meiner Familie atemberaubend. In Litauen geboren, mit den Eltern nach Israel ausgewandert, um am Ende in Deutschland Fuß zu fassen und die Asche der Mutter und Großmutter mit dem letzten großen Gefallen zurück in die Heimaterde zu bringen. Soviel Historie in diesen bewegten Jahrzehnten von einem Vor und einem Hinter dem Eisernen Vorhang. Von einem Neubeginn im geteilten Berlin, in dem die Mauer plötzlich unversehens im Hinterhof auftauchen kann und in der die Bürokratie des Sozialstaats rettend und zermürbend zugleich sein kann. In wechselnden Zeitsprüngen lässt uns Ruth Olshan als Ich-Erzählerin an ihrer Familiengeschichte teilhaben, erzählt von ihrer litauischen Mutter, die eine Karriere als Sängerin in der Sowjetunion aufgab, um mit ihrem ukrainischen Mann nach Israel auszuwandern, und erzählt von sich als Tochter, die in Deutschland Wurzeln fasste, während die Ehe der Eltern zerbrach und die Mutter sich langsam aber stetig dem Wahn ergab. Erzählt auch von sich als erwachsene Frau, die die Asche ihrer Lieben mit dem Auto nach Litauen bringt und im Familiengrab beisetzten lässt.
Es steckt soviel Geschichte in Olshans Kapitel, die aus dem knapp 250Seitenstarken Roman locker einen 1000Seiter hätte machen können, wenn die Autorin sie hätte auserzählen wollen. Aber gerade ihr reduzierter, episodenhafter Erzählstil ist ergreifend und bewegend, und macht deutlich, wie es uns eben mit unserer Familiengeschichte meistens ergeht man hat uns in der Kindheit und Jugend immer wieder dieselben Geschichten erzählt, die wir selten und fast immer zu spät hinterfragen. Oder über deren Details bis zuletzt geschwiegen wird. Religion, Krieg und Verfolgung, der Überlebenskampf in autoritären Staaten prägten die Generationen ihrer Eltern und Großeltern und haben auch unwillkürlich Einfluss auf das Leben der jungen Ich-Erzählerin, die sich unbedingt anpassen will in diesem Deutschland und die Sprache bald besser spricht als ihre Mutter- und Vatersprache. Es ist ein mühsamer Kampf das chaotische Zuhause mit dem Grundbedürfnis an Ruhe und Ordnung in Einklang zu bringen, und doch findet Ruth ihren Weg, während die Mutter sich verliert und psychisch erkrankt. Die große Stärke in dieser Geschichte ist für mich das ausgewogene Erzählen in Hinblick auf die Figuren. So sehr es mich schmerzt, die junge Ruth sich selbst überlassen erleben zu müssen, so sehr kann ich auch mitfühlen mit ihrer Mutter, die entwurzelt immer schwerer die Füße auf den Boden bekommt. Da schwingt im Erzählen keine Bitternis oder Schuldzuweisung mit. Die Schilderung der eigenen Situation lässt auch Raum für Verständnis und Empathie der Mutter gegenüber. Überhaupt lässt die Autorin viel Raum im Erzählen. Das gefällt mir überraschend gut. Ich kann mir trotzdem ein gutes Bild machen, ohne alle Einzelheiten im Detail zu kennen. In starken Bildern wird zudem Wichtiges auserzählt, so dass sich das Grundgefühl komplett auf mich als Lesende überträgt und ich zum Beispiel das fettige, dicke Marmeladenbrot fast selbst zu schmecken und fühlen meine. Immergrün ist keine leichtfüßige Lektüre, aber ich habe mich gern auf diese Familiengeschichte eingelassen und bin gut mit ihren Ecken und Kanten zurecht gekommen.