"Auf den Straßen Teherans" von Nila ist ein kurzes Werk, nur 144 Seiten in der Printausgabe und eingeteilt in kurze Kapitel, die meist nicht mehr als ein bis höchstens zwei Seiten umfassen. Man hat es schnell durchgelesen. Doch das schwächt die Wirkung nicht ab, im Gegenteil, diese wird gerade durch diese Prägnanz verstärkt:
"Schreiben heißt, ein Zeugnis abzulegen; zu exhumieren, tiefe Gräben auszuheben." (S. 63)
Ich habe das Gefühl, dem Kern des Protestes der mutigen Iranerinnen und Iraner gegen dieses unterdrückerische Regime nahe gekommen zu sein und, auch nach Lektüre einiger anderer Bücher zum Thema, diesen noch einmal mehr verstehen und nachfühlen zu können.
Es geht immer wieder um die ganz jungen, oft noch nicht einmal volljährigen Menschen, die sich mutig dem Regime mit Protesten auf der Straße entgegen stellen und dafür angegriffen, inhaftiert und oft auch ermordet werden. Um eine Bewegung, die trotzdem weiterkämpft und sich nicht unterdrücken lässt. Immer mehr Frauen, die ohne Kopftuch auf die Straße gehen, Protestierende, die Mullahs, die als Symbol und Vertreter des Regimes gesehen werden, ihre Turbane von den Köpfen schleudern, trauernde Mütter und Väter, die nicht aufhören, ihre Stimmen zu erheben, bis sie hoffentlich irgendwann das Regime besiegt haben werden:
"In den sozialen Medien verbreiten Theatergruppen Videos von regimekritischen Aufführungen. Wir werfen Eimer mit Farbe auf offiziell genehmigte Wandmalereien, meist Bilder von Männern des Militärs. Wir hängen Plakate mit Namen geliebter Menschen, die vom Regime ermordet wurden, von Fußgängerbrücken. Wir färben das Wasser in öffentlichen Teichen und Brunnen blutrot. Wir möchten, dass jede:r aufwacht und sieht, was geschieht. Es ist, als würden wir versuchen, den Bewohner:innen der Erde telegrafische Botschaften von einem anderen Planeten zu senden." (S. 75)
Erwähnt werden jedoch auch jene Menschen aus der Generation der Eltern der jetzt Protestierenden, die nach über 46 Jahren Unterdrückung seit 1979 ihr Leben lang so eingeschüchtert waren, dass sie sich kaum mehr trauen, das Wort gegen das Regime zu erheben und mit Erstaunen auf die mutigen Proteste ihrer Kinder blicken.
Außerdem gibt es immer wieder kurze Einblicke in die Geschichte des Irans, in ein Volk, das auch nach der Islamisierung die eigene Sprache und Kultur nicht aufgegeben hat. Es geht um mutige Vorkämpferinnen schon vor Jahrhunderten, die auch damals schon ihr Leben dafür lassen mussten, um Poeten und Dichter, um blutige Kämpfe um die religiöse und weltanschauliche Deutungshoheit, die seit Jahrhunderten das Land prägen, um die Hintergründe der Revolution im Jahr 1979, um die Einflüsse des Westens auf den Iran und den Glauben oder Unglauben daran, sich selbst befreien zu können, und um vieles mehr.
Es ist ein mutiges, kraftvolles Buch, das ich allen, die sich neu für die aktuellen Freiheitskämpfe im Iran interessieren, aber auch jenen, die schon viel darüber wissen, nur wärmstens empfehlen kann, auf dass sich die Botschaft der Autorin verbreiten möge:
"Leben kann passiv sein. Etwas zu bezeugen ist nicht passiv. Dies sind die Worte, die ich in die Zukunft senden möchte, nachdem ich durch Blut gegangen bin. Für diejenigen, die nach uns kommen und im Strudel unserer Geschichte nach uns suchen werden. Falls sie nach uns suchen werden." (S. 113)