
Besprechung vom 18.02.2026
Schlagschatten auf der Kindheit
Sie warnte sich selbst davor. Doch nun erzählt Cécile Wajsbrot in "Offener Himmel" von einem Schock.
Diesen Roman habe sie schon immer schreiben wollen, erzählt Cécile Wajsbrot, die ebenso kluge wie leise Fährfrau, Fährtenleserin und Übersetzerin zwischen Paris und Berlin, zwischen den Ländern, den Sprachen und Kulturen. "Ich war von weit hergekommen", sagt sie in ihrem autobiographischen Roman "Le Tour du Lac" und erinnert an das Schicksal ihrer polnisch-jüdischen Familie im Schatten der Deportationen und Verfolgungen eines verbrecherischen Krieges.
"Im Schatten der Tage" (deutsch 2004) hieß dann auch einer ihrer frühen Romane, Schatten haben sie immer wieder begleitet, und Wajsbrot hat versucht, mit ihnen Zwiesprache zu halten. Ihre Figuren sind Schemen, Silhouetten, Reisende mit wenig äußerem, aber niederdrückendem inneren Gepäck, kaum verankert in der Realität, oft namenlos. Sie hat wunderbare Nocturnes geschrieben und mit "Mann und Frau den Mond betrachtend" (deutsch 2002) vielleicht den Berlin-Roman der Nachwendezeit. Ihr größter Erfolg aber war bisher "Nevermore", von Anne Weber 2021 kongenial übersetzt und mehrfach ausgezeichnet: ein Buch über den Dialog mit einer verstorbenen Freundin und das Übersetzen am Beispiel eines Kapitels von Virginia Woolfs "To the Lighthouse". Wajsbrot ist selbst eine renommierte Übersetzerin aus dem Englischen und Deutschen und hat Virginia Woolfs "Wellen" übersetzt.
Ihr jüngstes Buch wollte sie schon deshalb lange schreiben, weil es eine nie vernarbte Wunde aus der Kindheit gab: den Tod ihrer "Reisefee", einer jungen Stewardess, die dem Leben des verschüchterten und ausgegrenzten Mädchens "einen Hauch von Abenteuer" gab durch bunte Postkarten und kleine Geschenke aus fernen Ländern, eine "fröhliche, lebhafte, lebendige junge Frau, die Farbe in eine Schwarzweißwelt" brachte, in der "die Erinnerung an die Kriegstoten einen Schlagschatten auf die Kindheit warf" - so Wajsbrot gegenüber dieser Zeitung. Als die junge Frau an Bord eines Flugzeugs, das 1961 in der algerischen Wüste zerschellte, ums Leben kam, war das Verschwinden dieser Fee für die siebenjährige Cécile Wajsbrot ein Schock, umso mehr, als die Eltern das Unglück lange verschwiegen und die Ursachen für den Absturz nie aufgeklärt wurden. "Dieses Unglück ist der Fluchtpunkt meiner Existenz, der Ort, an dem die Kraftlinien zusammenlaufen, das, was mein Leben zusammenhält, ihm eine Perspektive gibt, doch dieser unsichtbare Punkt bleibt mir ständig verborgen, als wäre er mir verboten. Bei jedem Versuch, mich zu nähern, stellt sich mir ein Hindernis in den Weg, eine Art lautlose Stimme, die mir sagt: Geh nicht dorthin. Privateigentum - Eintritt verboten."
Das mysteriöse Verschwinden und das Schweigen der Familie hatten die Einsamkeit des Kindes noch vergrößert, es lebte nur noch in einem "Wald aus Blättern und Tinte". Dieses Gefühl des Andersseins ist Cécile Wajsbrot bis heute geblieben. Durch ihre Romane, die im Grunde ein einziger innerer Monolog sind, versucht sie, verloren geglaubte Spuren wiederzufinden, das Rätselhaft-Geheimnisvolle der eigenen Existenz aufzudecken, die eigene Sprachlosigkeit zu überwinden. Diesmal unternimmt sie alle Recherchen, die möglich sind, um das Schicksal der jungen Frau und die Ursachen des Flugzeugabsturzes aufzuklären.
Aber bei Cécile Wajsbrot führt dies nicht zu einem linearen Recherchebericht, sondern zu einem kunstvoll verwobenen vielstimmigen Gesang. Denn sie will nicht nur diese Geschichte erzählen, sondern "autour de cette histoire" schreiben, also möglichst viele unterschiedliche Aspekte einbringen, die ihre Geschichte bereichern wie Nebenflüsse den Lauf eines großen Stroms. Zur Ich-Erzählerin wird eine Cory-Fee, eine Koryphäe, die sich vom Chor löst und das Wort ergreift, während sie eine "Frau ohne Alter" bei ihren endlosen Recherchen freundlich begleitet. Ihre Rolle wird es sein, denen eine Stimme zu geben, die fehlen.
Es beginnt mit einer Ausstellung mit Video-Installationen von Hito Steyerl und führt über Beispiele und Belege aus Philosophie, Literatur, Malerei, Musik und Film zu Internetrecherchen über diesen und andere Flugzeugabstürze auf den Armenfriedhof Thiais, wo Joseph Roth und Paul Celan beerdigt sind sowie Nazikollaborateure und heutige Attentäter: Friedhof des Exils und des Schreckens. Wegen dessen Nähe zum Flughafen Orly gibt es hier eine Gedenktafel für die Crew des 1961 abgestürzten Flugs. Die Passagiere wurden mittels leerer Särge auf dem Père Lachaise beerdigt.
Auf Bücherflohmärkten hatte "die Frau ohne Alter" zuvor eine alte Nummer von "Paris Match" gefunden: mit dem Absturz als Titelgeschichte. Dadurch wurde ihr klar, dass es sich höchstwahrscheinlich um einen Anschlag und nicht um einen technischen Defekt gehandelt hat. Am Ende bleiben zwei Hypothesen: Attentat auf drei Minister des Tschads und der Zentralafrikanischen Republik, was die vielen an der Absturzstelle herumfliegenden Geldscheine erklären würde, oder versehentlicher Abschuss durch französisches Militär, weil es einen Waffentransport für die FLN vermutete. Der Untersuchungsbericht aber ist nicht einsehbar.
Das Gewebe, das Cécile Wajsbrot um die Kerngeschichte legt, ist faszinierend: ein Klang- und Assoziationsteppich. Vögel, Vogelgesang und Vogelflug werden ihr zur Metapher menschlicher Sehnsucht und menschlichen Scheiterns - von Phaetons Sonnenwagen über Ikarus zu Franz von Assisi, den Montgolfieren und den eleganten Caravelles. Musikalisch begleiten sie Gluck mit "Orpheus und Eurydike", Samuel Barber, Rammstein und Gilbert Bécaud, literarisch alles, was Rang und Namen hat, von Homer und Chrétien de Troyes über Proust und Kafka, viel "Herz der Finsternis", philosophisch untermauert von Plato und den Totengesprächen von Lukian. Aus der Filmwelt grüßen Hitchcocks "Vögel".
Ihrem erklärten Ziel, neue Formen für den zeitgenössischen Roman zu finden, ist Wajsbrot mit "Offener Himmel" näher gekommen: "Der Chor, der am Anfang der Literatur steht, der mehrere Stimmen zu einem Ganzen verbindet, ist eine schöne Metapher für die Kunst, die Literatur und das Leben und ermöglicht uns, in den Zeiten der Omnipräsenz des Ich zu einem Wir zu kommen", so die Autorin. BARBARA VON MACHUI
Cécile Wajsbrot: "Offener Himmel".
Roman.
Aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller. Wallstein Verlag, Göttingen 2026. 185 S., geb.
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