"Die Geisterkatze" von Alex Howard erschien (HC, geb., 303 S.) im Verlag blanvalet. Die Idee zum Roman, der in Edinburgh im Zeitraum zwischen 1902 und 2022 verortet ist, gefiel mir ebenso wie das Cover, da es sich um meine absolute Lieblingsstadt handelt - und auch Katzen sehr mag (allerdings dachte ich bisher, dass sie 7 Leben haben; der Autor hat Grimalkin, Hauptprotagonist und Erzähler, den Kater, der uns durch die Geschichte führt, mit 9 Leben ausgestattet).
Edinburgh, 1902
"Grimalkin ist ein viktorianischer Hauskater, der eine außerordentliche Beobachtungsgabe besitzt. Durch einen unglücklichen Vorfall stirbt er, doch zum Glück hat er seine 9 Leben nicht verbraucht. Deshalb wird er zur Geisterkatze und darf mit seinen verbliebenen Leben zum Zeitzeugen der folgenden 120 Jahre werden. Unsichtbar streift Grimalkin umher und bringt in seiner unvergleichlichen Erzählung Enthüllungen über unsere banale menschliche Existenz, den unaufhaltsamen Lauf der Zeit sowie die wahre Größe der Katzen ans Licht." (Quelle: Buchrückentext des Verlages)
Meine Meinung:
Der Roman ist ein interessanter, nachdenklich stimmender, aber auch humorvoller Streifzug über 120 Jahre Menschheitsgeschichte durch die Augen des klugen Grimalkin, der das Glück hatte, in einem Stall als junges Kätzchen von Eilidh, einem jungen Mädchen, das als Hausmädchen in 7/7 Marchmont Crescent, Edinburgh, arbeitet, gefunden zu werden. Nachdem er stirbt, wird ihm von Cat-Sith (wobei märchenhafte Elemente ins Spiel kommen) der Vorschlag gemacht, dass er weitere Leben haben könne und da Grimalkin abenteuerlustig ist, werden ihm diese geschenkt - 3 zum Bleiben, 3 zum Streunen und 3 zum Spielen. Letztere als Poltergeist; bei den anderen nimmt die Umwelt ihn nicht wahr (bis auf Katzen, die den "7. Sinn haben" und durchaus spüren, wenn eine Veränderung eintritt.
Grimalkin führt uns nun immer dann, wenn er ins nächste Leben "erwacht" als Geisterkatze, in ein bestimmtes Jahrzehnt, durch die viktorianische Zeit in Edinburgh und es kommt zu interessanten Begegnungen; etwa dem Erfinder von Peter Pan, der Entwicklung vom Gaslicht zur Elektrizität, der Erfindung von Penicillin, in dessen Entwicklung, die Millionen von Menschen seither das Leben rettete, eine gewisse Abigail Rockefeller nicht unbeteiligt gewesen sein soll, die im Haus der Familie einen Ring mit einem rosa Diamanten verliert, der von nicht unbeträchtlichem Wert ist und dessen Verschwinden in einer Fußbodenritze dem schlauen Kater natürlich nicht entgangen ist.
Wir begleiten Grimalkin durch die Weltkriege und die Nachkriegszeit; schmunzeln über seine Äußerungen zum jeweiligen "Mobiliar" und noch mehr im Jahr 1969, als er die Bekanntschaft eines Staubsaugers macht und diese Zeit der Beatles und anderen Beatbands ihm viel zu schrill, grell und laut ist und die auch mit der Mondlandung zusammenfällt, die die Menschheit feiert. Im Jahr 1997 erwacht Grimalkin in einer WG, die alle Wände bunt anstrich und in der Amelia und Rupert, Sprosse aus reichen Familien mit Hannah aus Dorset wohnen, die sehr unglücklich, neu in der Stadt ist und mit dem Reichtum vieler anderer Studenten nicht mithalten kann: Wäre da nicht Grimalkin gewesen...
Im letzten "Spuk" (2022) sind wir mitten in der Pandemiezeit und der Kater registriert, dass eine junge sympathische Familie eingezogen ist, die die alten Wohnverhältnisse und Schönheiten wiederherstellt (die Edi Press und die alten Türklinken aus Messing, die der 'Messingmann', der bald Vater wird, mit dem Mittel poliert, dessen Geruch Grimalkin aus alter Zeit wohlbekannt ist. Hier lebt auch eine kleine Schildpattkatze, vielleicht eine UrUrUrUr-Enkelin Grimalkins? In dieser Zeit stirbt Elizabeth II. und Grimalkin spürt, dass er müde wurde über all' den neuen Eindrücken und den vielen Leben als Geisterkatze. Er wünscht sich, seinem oft einsamen Dasein entfliehen zu können und nur noch zu schlafen, was ihm wenig später gewährt wird..
Der Stil des schottischen Autors ist atmosphärisch und bildhaft; durchsetzt mit Humor, bei dem Schmunzelfaktor garantiert ist, aber auch manchem, das nachdenklich macht. Wenn es etwa um den "Hunger des Menschen nach Geld" geht, das unsere Zeit sehr prägt, wie ich meine. Besonders gefielen mir das Insider-Wissen zu Wohnungen in Edinburgh (EdiPress, Box Rooms, Polizeizellen, Briefkasten-Krieg in den 50er Jahren bis hin zu "Ingin Johnny" - den saisonalen Zwiebelverkäufern aus der Bretagne z.B.). Dies hat mein eigenes Wissen über diese wunderschöne Stadt mit jeder Menge (teils schauriger) schottischer Geschichte sehr bereichert! Aus der schönen Danksagung des Autors geht hervor, dass er so einiges mit dem 'Messingmann' gemeinsam zu haben scheint und hoffe auf weitere Romane von ihm.
Fazit:
Interessante Streifzüge durch 120 Jahre Menschheitsgeschichte durch die Augen eines klugen Katers, der sich zuweilen (nicht unberechtigt) über die Spezies Mensch wundert. Eine unterhaltsame, fantasie- und humorvolle, aber auch durchaus nachdenklich stimmende Zeitreise. Von mir gibt es eine Leseempfehlung an alle LeserInnen, die die schottische Hauptstadt (ebenfalls) sehr mögen und auch ein Faible für Katzen haben - oder sich beides durch diesen kulturell und historisch interessanten Roman erschließen wollen! 4*