"Die Natur braucht den Menschen nicht, aber der Mensch braucht die Natur. Selten fasst ein einzelner Satz die Botschaft eines Romans so treffend zusammen wie dieser. Mit Tage am Fluss hat Jochen Mariss ein ebenso ruhiges wie eindringliches Buch geschrieben, das weit mehr ist als eine Geschichte über eine Fährfrau und einen jungen Klimaaktivisten ist. Es ist ein Roman über den Umgang mit der eigenen Vergangenheit, über den Wert der Natur und über die Frage, wie wir als Gesellschaft mit den Herausforderungen des Klimawandels umgehen.
Im Mittelpunkt steht Sara Harmsen, die allein an einem Fluss lebt und den Fährbetrieb ihrer Familie weiterführt. Ihr zurückgezogenes Leben gerät aus den Fugen, als der verletzte Leon auf ihrer Fähre auftaucht. Während Leon sich nach einer Waldbesetzung auf der Flucht befindet, trägt auch Sara ihre eigenen (nichtsichtbaren) Verletzungen mit sich. Nach und nach entwickelt sich eine vorsichtige Freundschaft und sie beide beginnen, sich ihren Ängsten und ihrer Vergangenheit zu stellen.
Besonders beeindruckend fand ich, wie authentisch und komplex die Figuren sind:
Sara ist keine klassische Heldin. Sie wirkt oft verschlossen und distanziert, was sich jedoch teilweise durch ihre Kindheit erklärt. Rückblicke zeigen einen gewalttätigen Vater, dessen körperliche und seelische Übergriffe ihr gesamtes Leben geprägt haben. Besonders eindrücklich beschreibt Mariss die Rolle ihrer Mutter: Sie bewegt sich auf Zehenspitzen durchs Haus und singt nur, wenn ihr Mann nicht da ist. Saras Erkenntnis, dass die Lautstärke unseres Vaters Mutter ganz still gemacht hat, gehört zu den stärksten und auch erschreckenden Momenten des Romans. Gleichzeitig macht das Buch deutlich, dass Gefühle selten eindeutig sind. Obwohl Sara ihren Vater für ihr eigenes Leid und das der Mutter verantwortlich macht, liebt sie ihn noch immer und versucht als Erwachsene zu verstehen, welche Erfahrungen (insbesondere der Krieg) ihn zu dem Menschen gemacht haben, der er wurde. Sarah erzählt, dass es nur kleine wenige gemeinsame Momente zwischen Tochter und Vater gegeben habe. Jetzt sei er tot. Doch sie liebte in noch immer. Und gleichzeitig hasse sie ihn abgrundtief. Diese Ambivalenz wirkt ehrlich und glaubwürdig.
Leon verkörpert dagegen die Sorgen einer jungen Generation. Nachdem er sich in der Schule intensiv mit der Klimakrise beschäftigt hat, entwickelt er große Zukunftsängste und leidet sogar unter Panikattacken. Für ihn gibt es nur zwei Optionen: Resignieren oder Handeln. Leon entscheidet sich fürs Handeln: Er verzichtet auf Fleisch, engagiert sich in der Klimabewegung und beteiligt sich an einer Waldbesetzung, um die Rodung eines Waldes zu verhindern. Seine Angst wird so zum Motor seines Handelns.
Der Konflikt zwischen Naturschutz und wirtschaftlichem Fortschritt bildet den roten Faden des Romans. Wegen anhaltender Niedrigwasserstände muss Saras Fähre immer häufiger den Betrieb einstellen. Für viele Dorfbewohner ist deshalb der Bau einer Brücke die logische Lösung. Der Physiklehrer Kowalski steht beispielhaft für diese Position. Für ihn zählt vor allem eine funktionierende Infrastruktur. Seine Aussage Es geht hier nicht nur um dich macht deutlich, dass er den persönlichen Verlust Saras hinter den vermeintlichen Bedürfnissen der Allgemeinheit zurückstellt.
Doch Mariss zeigt, dass es keine einfachen Antworten gibt. Der Brückenbau würde nicht nur Saras Existenz vernichten (da dadurch notfalls sogar ihr Grundstück und Haus enteignet werden soll), sondern auch wertvolle Auenlandschaften zerstören. Überschwemmungsgebiete gingen verloren, alte Bäume mit seltenen Fledermausarten müssten gefällt werden und der Familien-Fährbetrieb wäre endgültig Geschichte. Gleichzeitig würde Sara als der Fährfrau ihren Arbeitsplatz verlieren. Diese Themen sind gute Beispiele, wie der Mariss es im Roman sehr eindrucksvoll schafft darzustellen, wie ökologische, wirtschaftliche und persönliche Interessen miteinander kollidieren.
Hinzu kommt die zunehmende Wasserknappheit, die den Alltag der Figuren bestimmt. Felder und Gärten müssen bewässert werden, Brunnen trocknen aus und schließlich fällt sogar das Wasser aus den Leitungen aus. Sara sorgt sich darum, ob ihr Brunnen sich überhaupt noch füllen wird. Diese Szenen wirken erschreckend realistisch und verdeutlichen, dass die Folgen des Klimawandels längst keine abstrakte Zukunftsvision mehr sind. Gerade aktuell zur Sommerzeit wird in vielen Städten in Deutschland wieder dazu aufgerufen, sparsam mit Wasser umzugehen, die Rasen in Gärten nicht zu bewässern oder eigene Pools zu befüllen, da dadurch wertvolles Trinkwasser knapp wird.
Besonders gelungen sind die Gespräche zwischen Sara und Leon, die mich oft sehr zum Nachdenken angeregt haben. Als Leon erklärt, warum er den Wald liebt, beschreibt er die Bäume als Gemeinschaft, die das richtige Maß zwischen Nähe und Distanz gefunden habe. Diese Beobachtung wird zu einem Sinnbild für menschliche Beziehungen und das Sein in unserer Gesellschaft. Ebenso berührend ist der Moment, in dem Leon Sara mit einer tausendjährigen Eiche vergleicht: stark, widerstandsfähig und allen Stürmen trotzend.
Leon: "Das aller tollste ist der Wald."
Sarah: "Und was findest du so toll am Wald?"
Leon: "Ich mag die Stille. Den Frieden. Ich finde es faszinierend, wie die Bäume eine Gemeinschaft bilden. Wie sie zusammen stehen. Wie sie sich gegenseitig schützen. Sie sind Experten darin das richtige Maß an Nähe und Distanz zu finden. Sie stehen so nah, dass sie einander Schutz geben. Und sie lassen sich so viel Raum, dass sie sich entfalten können. Wenn ich eine Pflanze wäre, dann wäre ich eine Rotbuche im Wald." [] Du wärst eine tausendjährige Eiche, die allein in der Landschaft steht und jedem Wetter trotzt."
Sara wiederum erkennt irgendwann selbst, wie sehr sie sich von den einfachen Dingen des Lebens entfernt hat, als sie sich fragt: Wann habe ich das letzte Mal im Gras gelegen und einfach mal nichts getan?
Auch führt Mariss häufig literarische Bezüge an. Leon denkt z. B. über Bertolt Brechts Gedicht "An die Nachgeborenen" nach und überträgt dessen Aussagen auf die heutige Umweltkrise. Für ihn steht nicht mehr Krieg und Diktatur im Mittelpunkt, sondern die Plünderung des Planeten, Massentierhaltung und Ressourcenverschwendung.
Sara bringt einmal im Gespräch ein Zitat von Martin Luther an: Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch einen Apfelbaum pflanzen. Beide Zitate verdeutlichen die Spannung zwischen Hoffnung und Verzweiflung, die sich durch den gesamten Roman durchzieht.
Eine der stärksten Aussagen des Buches formuliert Sara selbst: Vielleicht ist das Problem, dass wir heute den Preis für etwas zahlen müssen, das uns erst in einer Zukunft zugutekommt, die wir nicht mehr erleben werden. Leon antwortet darauf, dass diese Zukunft eigentlich gar nicht so weit entfernt sei, denn diese gehöre den Kindern und Enkeln von heute. Genau hier liegt die gesellschaftliche Relevanz des Romans. Er zeigt, wie schwer langfristiges Denken fällt, obwohl die Konsequenzen unseres Handelns längst sichtbar sind. Denn obwohl häufig mit dem Gemeinwohl argumentiert wird, werden Maßnahmen zum Klima- und Naturschutz in der Realität nicht selten als Einschränkung der eigenen Lebensweise oder persönlichen Freiheit wahrgenommen und deshalb abgelehnt und oft verleugnet.
Besonders spannend finde ich, die beiden Seiten der Natur, die Mariss darstellt. Die Natur wird auf der einen Seite als Bedrohung dargestellt, andererseits als ein Ort der Heilung. Immer wieder vermittelt Mariss das Gefühl, dass Stille, Wälder und Flüsse Menschen dabei helfen können, zu sich selbst zurückzufinden. Leons wiederkehrender Gedanke, die Seele zu lüften und den Blick zu weiten, beschreibt diese Wirkung besonders treffend.
Generell hat mich der ruhige und poetische Sprachstil von Mariss sehr gefallen. Die Naturbeschreibungen sind bildhaft und verleihen der Geschichte eine entschleunigende Wirkung. Gleichzeitig entwickelt sich durch die Konflikte um den Brückenbau, die Anfeindungen im Dorf und die zunehmenden Extremwetterereignisse eine unterschwellige Spannung, die bis zum Ende anhält. Als schließlich starker Regen einsetzt und der Fluss über die Ufer tritt, wird die Botschaft des Romans noch einmal deutlich: Der Mensch kann die Natur beeinflussen, aber niemals vollständig kontrollieren.
"Tage am Fluss" ist ein Roman, der von Traumata, Mut, Verantwortung und Versöhnung (mit anderen Menschen, mit der Natur und mit sich selbst) erzählt. Ich fand es besonders ansprechend und beindruckend, wie Jochen Mariss es schafft komplexe Themen wie Klimawandel, Naturschutz und gesellschaftliche Konflikte nicht mit erhobenem Zeigefinger anzubringen, sondern sie in einer berührenden Geschichte nahe zu bringen. Er regt bewusst an, über den eigenen Umgang mit Natur, Konsum und Zukunft nachzudenken, ohne dabei den Glauben an Veränderung zu verlieren.