
Besprechung vom 02.06.2026
Eskalation des Terrors von rechts
Die Historikerin Barbara Manthe legt eine Zwischenbilanz zur Geschichte des Rechtsterrorismus in der Bundesrepublik vor. Seine Konturen verwischt die Darstellung jedoch bisweilen.
Die neonazistischen Serienmörder Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos, die zwischen Ende der 1990er-Jahre und 2011 mithilfe ihrer Komplizin Beate Zschäpe zehn Menschen kaltblütig umbrachten und sich am Ende selbst töteten, haben das Bild des Rechtsterrorismus in der Bundesrepublik verändert. Ihre postume Enttarnung als "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) legte gravierende Ermittlungspannen bei der Polizei und dem Verfassungsschutz offen. Sie zeigte, wie schwer sich die Sicherheitsbehörden damit taten, die rechtsextremistische Szene richtig einzuschätzen und wirksam zu bekämpfen. Die Bevölkerung reagierte mit Mahnwachen und Demonstrationen. Politiker versprachen lückenlose Aufklärung. Im Bundestag und acht Landesparlamenten beschäftigten sich Untersuchungsausschüsse mit dem NSU.
Medien berichteten nun ausführlicher über Rechtsterrorismus. Sie hinterfragten die Hypothesen der Strafverfolgungsbehörden kritischer und stellten eigene investigative Recherchen an. Die Vorstellung vom oftmals psychisch gestörten Einzeltäter wich einer größeren Aufmerksamkeit für das Umfeld der Unterstützer und Sympathisanten. Zugleich richtete sich der Blick nicht mehr nur auf die Täter, sondern auch auf die Opfer rechtsextremer Gewalt. In der zeithistorischen und sozialwissenschaftlichen Forschung löste der NSU eine Flut von Studien zu Geschichte und Gegenwart eines Rechtsterrorismus aus, der nicht mehr als Randerscheinung, sondern als genuiner Bestandteil der deutschen Gesellschaft beschrieben wurde.
Die Bielefelder Historikerin Barbara Manthe zieht eine Zwischenbilanz dieser Forschungen. Sie hat Archivstudien in den einschlägigen Ministerien des Innern und der Justiz sowie in den Akten einzelner Strafverfahren angestellt, vor allem aber hat sie das umfangreiche publizistische und wissenschaftliche Schrifttum ausgewertet. Ihre Studie ist als Gesamtdarstellung des Rechtsterrorismus in der Bundesrepublik angelegt. Kontinuitäten über den Epochenbruch von 1933/45 hinweg thematisiert sie nur am Rande. Deutsch-deutsche Verflechtungen werden hier und da angedeutet, aber nicht systematisch weiterverfolgt. Ostdeutschland kommt erst mit der Wiedervereinigung 1990 genauer in den Blick.
Der Untertitel, der die "Geschichte einer andauernden Gefahr" postuliert, steht dabei in einer gewissen Spannung zu den Konjunkturen rechtsterroristischer Gewalt, die Manthe beschreibt. Denn die Gewaltwellen wurden immer wieder durch Phasen der Latenz unterbrochen. Die ersten Anschläge nach 1945 blieben punktuell. In den 1950er- und 1960er-Jahren scheiterten Vorhaben oft schon im Planungsstadium. Einen ersten massiven Aufschwung gab es in den späten 1970er- und frühen 1980er-Jahren mit neuen Formationen wie der Wehrsportgruppe Hoffmann oder den Deutschen Aktionsgruppen, wobei das Oktoberfestattentat 1980 einen Höhepunkt darstellte.
Die nächste Eskalationsstufe bildeten die Pogrome und Brandanschläge von Hoyerswerda und Rostock bis Mölln und Solingen in den frühen 1990er-Jahren, ehe die Zahlen rechtsextremistischer Gewalttaten ab 1993 wieder zurückgingen, ohne dass die Szene, die sie hervorgebracht hatte, verschwand. Vielmehr radikalisierten sich militante Neonazis in den 1990er-Jahren weiter. Den von ihnen entwickelten Terrorkonzepten folgte auch der NSU. Laut Manthe fusionierten darin ost- und westdeutsche Versatzstücke: einerseits die lokal verankerten, relativ autonom agierenden Neonazi-Gruppen Thüringens und andererseits ein antitürkischer Rassismus, der sich in den 1980er-Jahren in Westdeutschland herausgebildet hatte.
Manthe sieht seit 2015 die bisher längste Phase rechtsterroristischer Gewalt, die ideologisch und organisatorisch diffuser erscheint als ihre Vorgänger. Neben neonazistischen Zellen, die Anschläge auf Flüchtlingsunterkünfte planten, gab es Attentate von Einzeltätern, die wirre Manifeste veröffentlichten. Verschwörungstheorien beförderten Radikalisierungsprozesse. Onlineforen, Gaming-Plattformen und Messengerdienste fungierten als ideologische Echokammern, die Massenmördern wie dem Norweger Anders Breivik oder dem Neuseeländer Brenton Tarrant zu digitalem Ruhm verhalfen und Nachahmungstaten provozierten. Opfer von Mordanschlägen waren nun nicht mehr nur tatsächliche oder vermeintliche Ausländer, antifaschistische Aktivisten und soziale Randgruppen, sondern auch Kommunalpolitiker wie die Kölner Oberbürgermeister-Kandidatin Henriette Reker oder der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke, die sich für Flüchtlinge engagiert hatten.
Die Autorin identifiziert zwei Deutungsstränge im Umgang mit dem Rechtsterrorismus. Aus konservativer Perspektive war er ein Randphänomen. Neonazistische Morde und Brandanschläge wurden nicht als Ausdruck einer spezifischen Weltanschauung betrachtet. Sie galten als wahnhafte Aktionen von Psychopathen oder extreme Auswüchse einer allgemeinen Überforderung der Gesellschaft durch Kriminalität und unkontrollierte Einwanderung, denen mit schärferer Strafverfolgung und restriktiverer Zuwanderungspolitik zu begegnen war. Linke und linksliberale Politiker und Publizisten hingegen sahen darin nicht nur den Ausdruck einer stringenten Ideologie, sondern zugleich einen Hinweis auf das Fortwirken autoritärer Strukturen und fortbestehende Probleme der Deutschen mit Demokratie und Minderheitenschutz. Die Fehler von Polizei und Verfassungsschutz deuteten sie als Folge von institutionellem Rassismus. Entsprechend forderten sie ein hartes Vorgehen gegen die Täter und eine selbstkritische Reform staatlicher Institutionen.
Barbara Manthe steht der zweiten Einschätzung näher als der ersten. Intensiv beleuchtet sie das soziale Umfeld und den gedanklichen Nährboden, aus dem rechte Gewalt in der Bundesrepublik erwuchs. Damit legt sie die Ermöglichungsbedingungen des deutschen Rechtsterrorismus frei. Dieser war in der Regel dezentral und netzwerkförmig aufgebaut, in Szenestrukturen und losen Kleingruppen mit ausfransenden Rändern. Der Linksterrorismus, etwa in Gestalt der RAF, trat dagegen stärker hierarchisch und als geschlossene Kaderorganisation mit klarer Kommandostruktur auf.
Indem die Autorin den Rechtsterrorismus in seine sozialen und mentalen Umgebungen einbettet, läuft ihre Darstellung bisweilen Gefahr, dessen Konturen zu verwischen. Nicht jede radikale Gesinnung führte zu Terrorakten, und nicht alle von ihr behandelten Gewalttäter agierten im Geheimen, obwohl in der Begriffsbestimmung, die Manthe ihrer Darstellung zugrunde legt, gerade das Konspirative neben Gewaltsamkeit und Symbolcharakter den Kern rechtsterroristischer Praxis ausmacht. "Terror von rechts" wird dadurch nicht weniger bedrohlich. Aber die Frage, wo er beginnt und wo er endet, bleibt letztlich offen. Ihn zu unterschätzen, wäre genauso verkehrt wie das Gegenteil, wenn dadurch andere Formen terroristischer Bedrohung vernachlässigt werden. DOMINIK GEPPERT
Barbara Manthe:
Terror von rechts. Die Geschichte einer andauernden Gefahr.
C.H. Beck Verlag, München 2026. 383 S.
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