Meetings, die eine Mail hätten sein können. Meetings, in denen man eine Stunde bespricht, woran man arbeiten sollte, anstatt wirklich zu arbeiten. Meetings voller Anglizismen und Buzzwords, die darüber hinwegtäuschen sollen, dass niemand etwas Substanzielles zu sagen hat. Das ist der Alltag in vielen Bürojobs, in denen Mitarbeiter:innen mit heiligem Ernst und ständiger Alarmbereitschaft an Dingen arbeiten, die letztlich keine Auswirkungen auf den Weltverlauf haben. Das ist per se nichts Verwerfliches - solange man nicht daran zerbricht.Genau das tut aber Marisa, die Protagonistin inGeht so von Beatriz Serrano. Und zwar so sehr, dass sie jeden Morgen hofft, Opfer eines Verkehrsunfalls zu werden, der sie vom Arbeiten abhält. Sie leidet an ihrem Bullshit-Job. Sie leidet daran, den Absprung nicht zu schaffen, weil man sich in den Annehmlichkeiten, die eben dieser Bullshit-Job mit sich bringt, so gut eingerichtet hat. Vor allem aber leidet sie daran, dass sie niemanden hat, mit dem sie aufrichtig reden kann: Ihre Eltern verstehen ihre Lebensrealität nicht, mit Pablo hat sie sich in einer Situationship verfahren und Rita, ihre einzige Verbündete auf der Arbeit, ist nicht mehr am Leben...Geht soerschien im Frühjahr 2025 und hat direkt meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Ein Roman, der diecorporate jobs der Millennialseinmal in den Mittelpunkt stellt und aufzeigt, dass man an derschönen neuen Arbeitsweltmit ihren englischsprachigen Titeln, Jours fixes und Team-Events verzweifeln, ja gar depressiv werden kann, erschien mir innovativ und wichtig. Das "Hamsterrad des Angestelltendaseins" - wie der Klappentext es formuliert - gibt zwar Sicherheit, kann aber auch zum Burn oder Bore Out führen. Protagonistin Marisa steht genau in diesem Spannungsfeld: Ihr Job fordert sie nicht, ihr fehlt es an Sinnhaftigkeit und doch hat sie nach Jahren als Anhängerin der Generation Praktikum keine Kraft mehr für einen Neuanfang. Beatriz Serrano schildert dieses Dilemmazynisch, mit einer scharfen, oft bissigen Sprache, die treffend beobachtet, wenig beschönigt und niemanden verschont- auch nicht die Protagonistin selber.Ein guter Schreibstil und eine inhaltlich spannende Idee sind eigentlich die besten Voraussetzungen für eine positive Lektüreerfahrung. Leider löst sich dieses Versprechen beiGeht sonicht ein: Serrano beschreibt inepischer Breite(und das in einem schmalen Büchlein von knapp 240 Seiten) Marisas Situation, die bereits nach wenigen Seiten klar ist. Das Buch wird damit zu einer dieser E-Mails, die eine kurze Nachricht auf Microsoft Teams hätte sein sollen: Work sucks, mir fehlt der Sinn, nur noch Drogen und Eskapismus sind mein Anker, need help. Stattdessenwiederholt die Autorin sich, ohne nennenswert in der Handlung voranzukommen. Worauf die Story hinauslaufen soll, wird bis zum Ende nicht klar.Überhauptstellt das Ende meinen größten Kritikpunkt dar: Serrano rettet sich mit einer drastischen Wendung aus dem Roman, mit der sie es sich dennoch zu einfach macht. Geht so vergibt die Chance, einen wirklichen Kommentar zur modernen Arbeitswelt zu hinterlassen, sondern belässt es bei eineroberflächlichen Kritik, die unterhält, jedoch nicht schmerzt.Die bestechende Sprache und die wenigen starken inhaltlichen Momente können ebenfalls nicht dagegenhalten. So ist Geht soein interessanter Versuch, der letztlich an sich selber scheitert. Dafür nur 3 Sterne - dennoch werde ich die Autorin weiterhin beobachten, Potenzial hat sie nämlich.