REZENSION Schon die ersten beiden Bände Unter dem Sturm und Was ans Licht kommt seiner in der schwedischen Provinz Halland angesiedelten Krimireihe standen über Monate auf Platz 1 auf der schwedischen Bestsellerliste. Für seinen dritten Band Wenn die Nacht endet wurde der promovierte Kriminologe, bereits 2012 mit dem Young Criminologist Award der European Society of Criminology und im Jahr 2013 erstmals mit dem schwedischen Krimipreis ausgezeichnete Autor Christoffer Carlsson (39) erneut mit dem schwedischen sowie dem skandinavischen Krimipreis geehrt. Im April erschien nun im Rowohlt Kindler Verlag mit Hinter dem Nebel der vierte Band auf Deutsch, der uns im Kern seiner Handlung in die 1950er Jahre des Kalten Kriegs zurückführt.
Doch zunächst beginnt der Krimi in der Gegenwart: Kurz nachdem der Erzähler einen unerwarteten Kontaktversuch seines früheren Freundes Johan Oskarsson ein Schriftsteller wie er selbst erhalten hat, wird dieser im Speisesaal einer Pension erhängt aufgefunden. War es Mord oder Selbstmord? Es gibt keine Anzeichen für Fremdverschulden, weshalb Ermittler Vidar Jörgensson von der Polizei Halmstad, ein befreundeter Nachbar des Erzählers, den Fall zu den Akten legen will. Doch ein Selbstmord scheint dem Erzähler unwahrscheinlich. Er glaubt an Mord: Jener Johan Oskarsson, den er seit vielen Jahren kannte, war niemals suizidgefährdet. Außerdem gibt es zwei Fakten, die verdächtig erscheinen. Auf seiner letzten Fahrt zur zurückgezogen lebenden, berühmten Schriftstellerin Ingrid Kringa, deren Biografie er schreiben will, ist Johan genau 110 Kilometer weiter gefahren als notwendig. Wo ist Johan in der Zwischenzeit gewesen? Zudem steckte das Handy des Toten in dessen rechter Hosentasche, aber Johan war Linkshänder. Da Polizist Vidar Jörgensson diese Verdachtsmomente für unwichtig hält, macht sich der Erzähler selbst daran, diesen undurchschaubaren Fall zu untersuchen. Seine Ermittlungen führen ihn tief in die 1950er Jahre, in die Zeit des Kalten Kriegs, in die Machenschaften nicht nur der schwedischen Geheimdienste und in Kreise der gegen Atomwaffen protestierenden linken Studenten unter ihnen die damals 20-jährige Ingrid Kringa, die als Studentin nach Uppsala kam, um sich aus ihrem ärmlich-ländlichen Elternhaus zu befreien. Sie wollte unbedingt Schriftstellerin werden. Aber wie weit darf ein Mensch für seinen Traum gehen? Der Erzähler folgt bei seinen Nachforschungen ihren Spuren, sieht alte Akten ein und spricht mit Kringas damaligen Kontaktpersonen. Manche Spuren führen ins Leere, dafür tun sich immer wieder neue auf. Gibt es jenseits der zu schreibenden Biografie noch andere Verbindungen zwischen Ingrid Kringa und dem toten Johan Oskarsson?
Schon der deutsche Titel Hinter dem Nebel deutet das hinter dem Schleier vergangener Jahrzehnte Verborgene, ungelöste Geheimnisse und die Unmöglichkeit an, Menschen vollständig zu durchschauen und die ganze Wahrheit in den miteinander verstrickten Biografien der im Roman auftauchenden Personen zu erkennen. In der Welt der Geheimdienste, in der sich Carlssons Figuren bewegen, geht es um Täuschung und Tarnung. Sein Roman ist deshalb kein klassischer Krimi, zumal der ermittelnde Polizist Vidar Jörgensson eher als Randfigur und Schatten des Erzählers im Hintergrund bleibt. Vielmehr ist Hinter dem Nebel ein spannender, mehrschichtiger Spionageroman, in dem es um wahre Identität, um persönlichen Ehrgeiz und moralische Grenzen, um Macht und politische Verantwortung geht vor allem aber um Wahrheit. Dabei sind die Übergänge zwischen Vergangenheit und Gegenwart so fließend gestaltet, dass dem Lesenden deutlich wird, wie eng die persönlichen Schicksale und gesellschaftlichen Entwicklungen über die Jahrzehnte miteinander verwoben sind.
Hinter dem Nebel ist ein literarischer Thriller, der ohne jegliche Action auskommt, ohne Helden, Ganoven und allwissende Kriminalisten. Denn nicht die Ermittlungsarbeit des Erzählers steht im Mittelpunkt. Stattdessen überzeugt der Roman durch philosophische und psychologische Tiefe, gibt Einblick in die politische Situation des offiziell neutralen Schwedens zur Zeit des Kalten Krieges und sorgt durch unerwartete Wendungen und die Ungewissheit über die Wahrheit für Spannung.
Wenn man wie der Erzähler jeweils selbst gerade eine logisch nachvollziehbare Erkenntnis aus den bisherigen Fakten als Wahrheit zu erkennen glaubt, wird sie prompt durch neu auftauchende Fakten widerlegt, zumal ungewiss ist, wem man in diesem gelegentlich nebulös wirkenden Personenreigen wirklich vertrauen kann. So hält Carlsson die Spannung bis zur letzten Seite. Gerade diese literarische Finesse, verbunden mit der Frage nach reiner Wahrheit oder subjektiver Erinnerung in Biografien, macht den besonderen Reiz seines Romans aus.