
Eine fesselnde Mischung aus Thriller und hochpolitischem Jugendroman!
Daniel ist nach dem Abi auf der Suche nach seinem Weg. Karriere machen, auf Kosten der Umwelt leben, im Mainstream mitschwimmen - das alles will er nicht. Als er den Ökobauern Steffen kennenlernt, bewundert er ihn für sein alternatives, unangepasstes Leben. Er fühlt sich wohl auf dessen Hof - doch immer wieder fallen zweifelhafte Äußerungen, die ihn irritieren. Schließlich erkennt er, was sich hinter dem vermeintlichen Landidyll verbirgt: Steffens Hof ist Treffpunkt für ein rechtsextremes Netzwerk, das einen Staatsstreich plant. Mit Beweisen für ihre Machenschaften geht Daniel zur Polizei - doch nun wird es gefährlich für ihn . . .
Hochaktuelle Themen Rechtsextremismus, Radikalisierung und Zivilcourage - spannend und zugänglich zu einem dichten Plot verwoben.
EIn Muss für alle ab 14 Jahren!
Besprechung vom 26.05.2026
Auf dem Nazihof
Cornelia Franz' Roman "Scheinland"
Es ist eine gleichermaßen gefährliche wie skurrile Situation. Gerade noch saß man nett beieinander, nach vielen Stunden schweißtreibender Arbeit am neuen Brunnen. Man hatte sich abermals gut unterhalten und wieder einmal festgestellt, dass man in vielen Themen einer Meinung ist. Bis man plötzlich feststellen muss: Man ist sich einig mit einem Neonazi. "Ja, wir sind Nazis", bekräftigt der in diesem Moment noch einmal. "National und sozialistisch." Und jetzt?
Daniel jedenfalls brüllt ihn erst an, dann flieht er. Daniel ist 19 Jahre alt, belesen, ein kritischer Kopf. Seine linke Rebellion hat er gerade hinter sich, nach dem Abitur verschlug es ihn nach Berlin, wo er versuchte, sich von jeglichem Besitz zu lösen. Weil das aber auf Dauer auch nicht die Lösung sein konnte, zog er nach Wiesbaden und hängt seitdem durch. Sein Studium langweilt ihn, seine Wohngemeinschaft ist nett, sein Vater geht ihm auf die Nerven - alles nicht weiter ungewöhnlich für einen Neunzehnjährigen. Wäre Daniel nicht so frustriert vom Zustand der Welt. Von ihren Ungerechtigkeiten, ihrer Umweltzerstörung, ihren Skandalen, ihren Geheimnissen.
Dieser Protagonist ist eine der großen Stärken von Cornelia Franz' neuem Jugendbuch "Scheinland". Denn Daniel ist weder naiv noch abgehängt noch dumm. Er widerspricht diametral dem Stereotyp eines Verschwörungsgläubigen, lehnt Corona-Leugner und "rechte Spinner" entschieden ab. Und trotzdem, so denkt er einmal, könne man doch nicht aufhören, Zweifel an offiziellen Darstellungen zu haben. "Wenn der Begriff Querdenker nicht durch einen Haufen Vollhonks in Verruf geraten wäre, hätte er sich selbst so bezeichnet. Es war eigentlich ein schönes Wort." Es ist eine Ambivalenz, die sich durch die ganze Geschichte zieht: Wo endet Hinterfragen, wo beginnt Schwurbeln?
Daniel findet darauf keine Antwort. Aber er freut sich, als ein Fremder namens Steffen Kontakt aufnimmt und anders als seine WG nicht genervt, sondern anerkennend auf seine Grundskepsis reagiert. Daniel entscheidet schließlich, mal auf Steffens Landhof vorbeizuschauen. Dort dauert es keine Stunde, und seine Verbitterung tritt glasklar zutage, sind doch Steffens erste Sätze: Der ländliche Raum "blutet aus", und das deutsche Sperberhuhn ist vom Aussterben bedroht. Seine Hühner heißen übrigens Trump und Putin. Das ist im ersten Moment lustig, auf dem Hof von Rechtsextremen ist es aber vor allem: Ausdruck eines unermesslichen Hasses, der in jeden noch so kleinen Lebensbereich hineinragt.
Der Autorin jedoch gelingt es, ihn zunächst hinter der Hofidylle zu verstecken. Steffens Familie wirkt derart nett und behütet, dass Daniel nach einem langen Tag harter Arbeit auf einer Matratze im Kinderzimmer liegt und denkt: Heimat ist zwar ein altmodisches Wort, aber wenn man so eine heile Familie wie Steffen hat, dann passt es vielleicht.
Am nächsten Morgen erwarten ihn dann ein Luftgewehr und die Info, dass Boden und Grundwasser noch immer PFT-verseucht sind von den Amerikanern. Doch Franz lässt ihren Protagonisten nicht abgleiten. Daniel bleibt standhaft bei seinen politischen Überzeugungen, widerspricht, als Steffen sich über Flüchtlinge auslässt. Und er ahnt früh, dass irgendwas auf dem Hof nicht ganz stimmt. Trotzdem fährt er wieder und wieder hin, getrieben von der Suche nach Orientierung, nach der Vergewisserung, dass er nicht der Einzige ist, der an den derzeitigen Krisen verzweifelt. Es ist ein Gefühl, das er derzeit wohl mit vielen Gleichaltrigen teilt - und ein gefährliches Einfallstor für Rechtsextreme bietet.
Nachdem Steffen sich als strammer Nazi offenbart hat, überkommt Daniel übergroße Scham. Das Ungewöhnliche ist allerdings, dass das noch in der ersten Buchhälfte geschieht. Danach entfernt sich die Geschichte von Daniels inneren Kämpfen und wird mehr und mehr zu einem Thriller, der mit einigen gelungenen Wendungen überrascht: Denn weder kann Daniel Steffen hinter sich lassen noch umgekehrt. Franz denkt überzeugend zu Ende, was passiert, wenn man sich erst einmal mit Nazis abgibt: So leicht lassen sie einen nicht wieder gehen. ANNA NOWACZYK
Cornelia Franz: "Scheinland". Roman.
Carlsen Verlag, Hamburg 2026. 192 S., geb., 14,- Euro. Ab 14 J.
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