
Besprechung vom 30.09.2025
"Nun rüstet sich Groß-Berlin zur Weltstadt"
Cosima Götz erzählt die Geschichte der Sehnsucht nach der totalen Planung der Städte - vom Fin de Siècle bis zu den Plänen für die "Welthauptstadt Germania" von Albert Speer.
"Bisher ist alles wild gewachsen, wie es kam. Jeder Ort hat seine Bebauungspläne für sich gemacht, und jeder hat nur den Interessen der Bodenspekulanten gedient. Diese Herren wünschen jetzt noch dafür belobt zu werden, daß sie die Masse untergebracht haben. Ja, das haben sie, aber wie!" Mit diesen Worten beklagte der Politiker Friedrich Naumann 1912 das Elend der "Mietskasernenviertel" Berlins. Es müsse Ordnung ins Chaos gebracht werden - diese Auffassung wurde zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts von sozialistischen Intellektuellen, Boden- und Lebensreformern sowie selbst von Liberalen wie Naumann geteilt.
Zwar handelte es sich hierbei um eine allgemeine Krisenwahrnehmung, die über den Bereich der Stadtplanung hinausging und die bereits umfassend theoretisiert wurde. Doch die konkreten Auswirkungen dieser Diagnose im Städtebau fanden bis dato vergleichsweise wenig Beachtung. Genau diesen widmet sich die Historikerin Cosima Götz in ihrer inzwischen zweifach ausgezeichneten Arbeit "Metropolen im Wettbewerb".
Die Autorin erzählt die Geschichte städtebaulicher Planung auf - für eine Dissertation bemerkenswert - lebendige Weise; hinzu kommt der Einsatz hervorragender Illustrationen, von zeitgenössischen Fotografien bis hin zu Entwürfen und Stadtplänen. Götz recherchierte in fast drei Dutzend Archiven, in acht Ländern, auf vier Kontinenten. Der städtebauliche Wettbewerb um die Umgestaltung Berlins inden Jahren 1908 bis 1910ist hierbei nur eines von vier zentralen Fallbeispielen der Arbeit, neben Canberra (1911/12), Paris (1919/20) und Ankara (1927 bis 1929). Auch wenn es sich um sehr unterschiedliche Städte handelt, gehörten sie alle zur Gruppe jener Metropolen, die durch Wettbewerbsverfahren einen sogenannten Generalplan erhalten sollten.Von Anfang an war den Projekten somit eine seltsame Kombination von Konkurrenz und Koordination, von Markt- und Planwirtschaft eigen.
Mit neuen wissenschaftlichen Verfahren, so glaubten die "Sozialingenieure" - die Ökonomen, Architekten und Stadtplaner dieser Zeit - lasse sich Ordnung auf unpolitischem Wege erreichen. Planung in diesem Sinne, so die Autorin, "zielte auf Gebäude und Infrastrukturen, aber ebenso auf Sozialwelten, auf individuelle Körper und Verhaltensweisen". In den Kreisen der Boden- und Lebensreformer war hierfür die Metapher der Gesellschaft als "Gesamtorganismus" besonders beliebt.
Tatsächlich hemmte die Planung oftmals die kreativen Impulse, die aus den Wettbewerben hervorgegangen waren: Reinhold Kiehl, der Bausachverständige des Zweckverbands Groß-Berlin, sei laut Zeitgenossen "frisch, arbeitsfreudig und hoffnungsvoll" die geplanten Projekte angegangen, darunter Wälder, Wiesen, Sport- und Spielplätze. Doch "Tage, Wochen und Monate vergingen, wir warteten vergeblich auf das beantragte Planmaterial". Zudem "wollte der Verbandsdirektor an allen Besichtigungen teilnehmen, da er die 'Kontrolle' über seine Herren haben musste". Kiehl sei bald "gebrochen" gewesen: Knapp sechs Monate nach seinem Amtsantritt habe sich der "arme gequälte Baurat" durch "Erhängen in dem Büroabort" das Leben genommen.
Neben dem Gedanken der Zentralplanung hatte jedoch auch das Konzept der Konkurrenz um 1900 in den Wissenschaften Konjunktur; es wurde im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts laut Götz gar zur Leitkategorie des Denkens: einerseits in Pluralismustheorien, andererseits in sozialdarwinistischen Weltanschauungen. Und so erkannten auch die Zeitgenossen nicht nur das demokratische Potential der Architekturwettbewerbe, insbesondere in Hinblick auf die öffentliche Ausstellung und Diskussion verschiedener Entwürfe, sondern auch die Anschlussfähigkeit des Konzepts der Gesamtplanung für totalitäres Denken.
Unter dem Titel "Demokratie oder Diktatur für Groß-Berlin?" wies der Städteplaner Werner Hegemann bereits 1912 auf mögliche "gewalttätige" Entwicklungen hin, die mit dem Projekt Groß-Berlin einhergehen könnten. Und tatsächlich griff Albert Speer ab 1938 auf diverse nicht umgesetzte Pläne des Berliner Wettbewerbs aus der Kaiserzeit zurück: Die Nord-Süd-Achse - jene nie verwirklichte Paradestraße, welche Speer in einer Länge von beinahe 40 Kilometern plante und die von einem Triumphbogen zur "Großen Halle" führen sollte - sei "eine megalomane Weiterentwicklung von Beiträgen aus dem kaiserzeitlichen Wettbewerb" gewesen. "Von seinen inneren Logiken her war der Berliner Wettbewerb sowohl für die Demokratie als auch die Diktatur anschlussfähig", so das Urteil der Historikerin.
Obgleich Albert Speer und der "Welthauptstadt Germania" nur ein Kapitel gewidmet ist, stellt der Siegeszug autoritärer Ordnungsentwürfe im frühen zwanzigsten Jahrhundert durchweg den Fluchtpunkt der Untersuchung dar, denn genau dafür müsse, so Götz, jede Theorie der Moderne eine Erklärung liefern. Ein zentraler Bezugspunkt für die Autorin ist hierbei Zygmunt Baumans These der "Ambivalenten Moderne". Der moderne Staat sei im zwanzigsten Jahrhundert in die Rolle des "Gärtners" geschlüpft, auch und gerade mithilfe sozialtechnologischer Experten. Deren Kriterien, so Bauman, "unterteilten die Bevölkerung in nützliche Pflanzen, die sorgsam zu kräftigen und fortzupflanzen waren, und Unkraut - das entfernt oder samt Wurzeln herausgerissen werden mußte". Für Bauman sei der Holocaust "ein extremer Fall von Social Engineering" gewesen.
Baumans Theorie zur Genese des totalitären Planungsdenkens wird von Götz sehr gut veranschaulicht und empirisch weitgehend bestätigt - lediglich die transnationalen Verflechtungen müssten der Autorin zufolge stärker berücksichtigt werden: Die Wettbewerbe konkurrierten auch untereinander und waren im Zeitalter des Nationalismus stets ein "Wettkampf der Nationen". Jede Hauptstadt sollte die ganze Nation in einer sich zunehmend globalisierenden Welt repräsentieren und war ein wichtiger Bestandteil des "Nation Building". Zwischen "Groß-Berlin" und "Groß-Deutschland", so die suggestiv formulierte These der Autorin, habe es nicht nur sprachliche Parallelen gegeben. Jedoch, betont Götz immerzu, sei der städtebauliche Generalplan ursprünglich kein autoritär verfügtes Projekt gewesen, sondern Ergebnis sozialer Forderungen, die trotz hehrer Absichten in Widersprüche führten. Auch hierin zeigt sich die Ambivalenz der Moderne. JAKOB BALLHAUSEN
Cosima Götz: "Metropolen im Wettbewerb". Stadtplanung und Stadtgesellschaften 1890-1940.
Wallstein Verlag,
Göttingen 2025.
382 S., Abb., geb.
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