
Besprechung vom 23.12.2025
Menschenleer sollten die Gebiete sein
Christian Steins eindrucksvolle Studie über den Rückzug der Wehrmacht an der Ostfront
Wo es um Kriege geht, sind Karten unverzichtbar. Keine Darstellung des Zweiten Weltkriegs, die nicht an hervorgehobener Stelle, oft schon auf dem Vorsatz, das weiteste Vordringen der Wehrmacht nach Osten, die größte Ausdehnung des deutschen Herrschaftsbereichs im November 1942 kartographisch erfasste. Knapp 3000 Kilometer waren es von der Grenze des Deutschen Reichs bis zu den Gipfeln des Kaukasus. Nur vier Monate nachdem Gebirgsjäger die Reichskriegsflagge auf dem Elbrus gehisst hatten - ein Bild, dessen ikonische Wirkung noch lange anhielt -, begann der Rückzug der Heeresgruppe A aus dem Kaukasusgebiet. Die Deutschen hatten ihre Kräfte im Südabschnitt der Front überdehnt, nach dem Einschluss der 6. Armee in Stalingrad drohten zwei weitere Armeen abgeschnitten zu werden. Mehr als zwei Jahre ging es von nun an nur noch in eine Richtung: 3000 Kilometer zurück.
Für den Rückzug haben sich die Deutschen nach 1945 nicht mehr sonderlich interessiert, selbst in der Forschung fand die zweite Phase des Krieges gegen die Sowjetunion bis heute wenig Beachtung. Das lag zunächst an der Überlieferung. Generale wie Manstein, Halder, Heusinger oder Guderian, die in den frühen Fünfzigerjahren Memoiren vorlegten, schwärmten lieber vom "Blitzkrieg", als das Elend des Rückzugs zu thematisieren. Für das Scheitern des Russlandfeldzugs war in ihren Augen ohnehin Hitler verantwortlich, der strategische Entscheidungen ab Herbst 1941 immer häufiger an sich zog. "Verlorene Siege" - der Titel der Erinnerungen des Generalfeldmarschalls Erich von Manstein brachte die Doppelmoral der Heerführer exakt auf den Punkt: Hätte der Laie an der Spitze die Planungen nicht fortwährend durchkreuzt, hätte man in Russland durchaus eine Chance gehabt.
Die Räumung des Kaukasusgebiets beim Jahreswechsel 1942/43 war nicht die erste große Rückzugsbewegung der Wehrmacht. Ein Jahr zuvor, als das Unternehmen "Barbarossa" vor Moskau stecken blieb, waren deutsche Verbände von der Roten Armee bis zu dreihundert Kilometer zurückgetrieben worden. Hierbei machte die Truppe erstmals Erfahrungen mit Absetzbewegungen. Alles hing davon ab, die nötigen Vorbereitungen vor dem Feind zu verschleiern und den richtigen Moment des Sich-Lösens aus der Front abzupassen. Rückzüge erfolgten grundsätzlich bei Nacht, was bei Temperaturen bis zu minus 40 Grad die Soldaten an die Grenze ihrer Belastbarkeit trieb. Tagsüber war in der Zone, die geräumt werden musste, alles niederzubrennen und zu sprengen, "der Russe [sollte] weder ein Haus noch eine Scheune noch einen Bund Stroh noch ein Stück Vieh noch eine Kartoffel vorfinden".
Als Hitler gut ein Jahr später der Räumung des Kaukasusgebiets zustimmte, konnten die im Chaos vor Moskau gewonnenen Erkenntnisse erstmals für einen groß angelegten, planmäßigen Rückzug genutzt werden. Um bei der Truppe gar nicht erst das Gefühl aufkommen zu lassen, man sei vom Gegner dazu gezwungen worden, tat die Führung so, als habe sie das Heft des Handelns nach wie vor in der Hand. Genaue Anweisungen zur systematischen Vernichtung der Dörfer und Städte suggerierten ebenso ein Höchstmaß an Kontrolle wie die großzügige Bereitstellung rollenden Materials zum Abtransport sämtlicher Rohstoffe und Nahrungsmittel.
Das strategische Ziel lautete, "das Gebiet für die Sowjetunion mittel- und langfristig kriegswirtschaftlich unbrauchbar zu machen". Vor allem waren so viele Arbeitskräfte wie möglich mitzuführen - beiderlei Geschlechts, ab zehn Jahren, unter Zurücklassung von "unnötigen Fressern". Bei den Rückzügen von der Ostfront wurden bis Kriegsende schätzungsweise 2,5 bis 3 Millionen Menschen verschleppt.
Als vorbildlich galt der Rückzug der 4. und 9. Armee aus dem Frontbogen von Rschew und Wjasma im März 1943. In knapp vier Wochen verkürzten die gut 30 Divisionen mit einer Gesamtstärke von rund 250.000 Mann die Hauptkampflinie von 754 Kilometer auf etwa die Hälfte und bewältigten dabei eine Rückzugsstrecke von bis zu 160 Kilometern. Seit Ende Januar hatte man nicht nur die Absetzbewegung, sondern auch das Zerstörungswerk minutiös planen können, ohne dabei von der Roten Armee besonders gestört zu werden. Am Ende stand in einem Gebiet von der Größe Mecklenburg-Vorpommerns kein Stein mehr auf dem anderen; die arbeitsfähige Zivilbevölkerung war vollständig abgeführt, in 12.789 Eisenbahnwaggons war alles abgefahren worden, was den Deutschen brauchbar erschien. "Es ist ein scheußliches Geschäft", notierte der Oberbefehlshaber der 4. Armee, Gotthard Heinrici, "es widerstrebt unsereinem im Innersten, in solchem Maße zu zerstören (...). Aber es muss sein."
Bei sämtlichen Rückzügen war ein gewisses Tempo anzustreben, ohne dass die Bewegung in Flucht ausarten durfte. Die Erhaltung der Kampfkraft war das oberste Ziel. Als besonders schwierig gestaltete sich im September 1943 der Rückzug der Heeresgruppe Süd an den Dnepr; vier Armeen standen rund 200 Kilometer östlich des breiten Stroms und mussten sich auf einer Länge von fast tausend Kilometern mit sechs Flussübergängen begnügen. Während die Mobilität vor allem bei den Infanteriedivisionen deutlich nachgelassen hatte, wusste die Rote Armee ihre schnellen Verbände immer effektiver einzusetzen und zurückweichende deutsche Einheiten häufig zu überholen.
Für die systematische Zerstörung der Infrastruktur und das Niederbrennen der Dörfer blieb der Wehrmacht kaum noch Zeit, und auch das Mitführen großer Teile der Bevölkerung erwies sich als zunehmend undurchführbar. Im Sommer 1944 schließlich, beim Zusammenbruch der Heeresgruppe Mitte, verlor die Wehrmacht nahezu vollständig die Kontrolle über ihre Rückzugsbewegungen; Disziplinverfall und Auflösungserscheinungen machten sich breit.
2007 hat Johannes Hürter in einer wegweisenden Studie über "Hitlers Heerführer" herausgearbeitet, wie stark die Militärbefehlshaber in den ersten Monaten des Russlandfeldzugs in die Praktiken des Vernichtungskrieges involviert waren. Die jetzt von Christian Stein vorgelegte Untersuchung leistet Ähnliches für die Zeit ab Winter 1941/42. Basierend vor allem auf den Kriegstagebüchern der beteiligten Großverbände - ergänzt um die vom ehemaligen Deutschen Historischen Institut Moskau erschlossenen russischen Beuteakten -, stellt Steins Arbeit zum weiteren Mal unter Beweis, dass sich die militärischen Operationen des Ostheeres nicht, wie es neuerdings wieder Mode zu werden scheint, von den gleichzeitig verübten Kriegsverbrechen getrennt betrachten lassen.
Auch wenn bei der Zwangsevakuierung von Arbeitskräften mehrere Institutionen wie der Wirtschaftsstab Ost, der Generalbevollmächtigte für den Arbeitseinsatz, der Reichsführer-SS und andere ihre jeweils eigenen Interessen geltend machten - "der Russe hat menschenleere Gebiete vorzufinden" (Himmler) -, so lag doch die Verantwortung für die Befehle zur Zerstörung und Vernichtung in der Todeszone ausschließlich bei den Oberbefehlshabern. Es waren die Soldaten einer Armee im Rückzug, die in weiten Teilen der Sowjetunion "verbrannte Erde" hinterließen. THOMAS KARLAUF
Christian Stein: Armee des Rückzugs. Die Wehrmacht an der Ostfront 1941-1945.
Wallstein Verlag, Göttingen 2025. 548 S.
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