Endlich ein neuer Roman von Dörte Hansen!
Broder Bahnsen wollte schon immer Bauer werden und Nachfolger seines Vaters Paul, dessen Kuhverstand er geerbt hat, das Gespür für Tiere. Doch den Bauernhof bekommt nicht Broder, sondern sein Zwillingsbruder Henning, der schon immer selbstbewusster war und sich mehr für Maschinen als für Tiere interessiert.
Es zählt nur einer auf dem Hof, das ist der Sohn, der bleibt. Aber die anderen, die übrig sind, die zweiten, dritten, vierten Söhne und die Töchter, die nicht zählen, bleiben Teil der Herde, ob sie wollen oder nicht. Weil sie mit großen Tieren aufgewachsen sind, ihr Atmen und ihr Brüllen kennen und den Geruch von Milch und Mist noch an sich haben. Weil sie im Glauben an die alte, ungerechte Ordnung großgeworden sind: Vater, Sohn und heiliger Hof, schon immer so gewesen. Amen.
Statt Bauer wird Broder Tierarzt und geht auf Abstand zur Familie und dem Hof. Erst über 20 Jahre später kommt er zurück und steigt in eine Tierarztpraxis in der Nähe der Familie ein, kümmert sich ab da auch um die Herde seines Bruders. Dieser hat den Hof inzwischen in einen hochmodernen Vorzeigebetrieb verwandelt, bei dem die Kühe auf maximale Milchleistung gezüchtet wurden. Für Vater Paul, noch vom alten Schlag, steht dem kritisch gegenüber: Ihm wird jetzt manchmal mulmig, wenn er hier morgens durch die Herde geht.
Sie sind ihm unheimlich, die großen, hageren Gestelle mit den Rieseneutern und den langen Zitzen. Wie eine neue Tierart. Früher passte man die Melkmaschinen an die Tiere an, jetzt ist es umgekehrt. Man züchtet Euter, die zu einem Melkroboter passen, und die Kühe geben doppelt so viel Milch wie früher.
Sie werden immer größer, und er selbst wird immer kleiner.
Doch Hennings Erfolg hat seinen Preis, und Broder bemerkt als erstes, dass Henning überfordert ist und langsam die Kontrolle verliert. Schweigt Broder, weil er hofft, nun endlich den Platz seines Bruders einnehmen zu können? Oder geht es ihm wie seiner Tochter Claire, die schon länger Zweifel an dieser Art der Massentierhaltung hat?
Ertrag kommt von Ertragen. Von allen Glaubenssätzen, die Paul Bahnsen seinen Söhnen mitgegeben hat, war das der schlimmste und der ehrlichste. Er gilt für beide, Mensch und Tier.
Dass man ein Nutztier schlachtet, wenn es nicht mehr nützt, lernt jedes Kind auf dem Betrieb. Die Kuh, die nicht mehr trächtig wird nach ein paar Kalbungen. Zu wenig Milch gibt. Sich im Stall nicht zu benehmen weiß. Das Bullenkalb, das auf dem Milchbetrieb nicht zu gebrauchen ist. Sie müssen weg. Die Söhne, die nicht zählen, auch.
Dörte Hansen hat in ihrem typischen, schönen Schreibstil einen Roman über Geschwisterrivalität, den Konflikt zwischen Traditionen und Moderne sowie den kritischen Blick auf moderne Massentierhaltung geschrieben, der mir sehr gut gefallen hat.
Vielen Dank an die Penguin Random House Verlagsgruppe und an NetGalley für das Rezensionsexemplar!