Ein wunderschöner Klassiker!
Elizabeth Gaskells Romane verdienen definitiv mehr Aufmerksamkeit!
England, 19. Jahrhundert: Margaret Hale wächst gut behütet bei ihren Eltern auf dem Land und ihrer Tante und Cousine in London auf. Sie liebt ihr kleines englisches Heimatdörfchen Helston, Cousine Edith ist wie eine Schwester für sie und sie ist glücklich mit ihrem Leben. Doch dann gerät ihr Vater, der Pfarrer des Dorfes, in eine tiefe Glaubenskrise und fühlt sich unmöglich in der Lage seine Tätigkeit fortzuführen. Er beschließt in den Norden zu ziehen um als Privatlehrer zu arbeiten. Ehefrau und Tochter sind darüber zutiefst schockiert, fügen sich jedoch seinem Willen und bald schon beziehen sie eine kleine enge Wohnung im Industriestädchen Milton. Der Norden ist rauh, grau, kalt, die Menschen ruppig, grimmig und sprechen einen fremden Dialekt. Wie der trübe Industrierauch sich immerzu über die Stadt legt, so legt er sich auch auf die Gemüter ihrer neuen Bewohner, obgleich Mr. Hale in seiner neuen Arbeit mehr Erfüllung findet.Einer seiner Schüler ist Mr. Thornton, Besitzer einer der größten Fabriken der Stadt, bekannt als äußerst streng und hart gegenüber seinen Arbeitern. Seine Familie und die Hales freunden sich oberflächlich an und Margaret fällt völlig aus den Wolken als sie eines Tages erfährt, dass er wohl Gefühle für sie hegt. Sie lehnt ihn aber ab. Seine kalte herzlose Art und seine Einstellung sind ihr zutiefst zuwider. Während eines Streiks in seiner Fabrik unterstützt sie die leidenten Arbeiter und tut im Allgemeinen so einiges, was gegen Mr. Thorntons Grundsätze steht. Sie durchlebt eine schwere Zeit in der sie fast alles verliert und wird schließlich von ihrer Tante und ihrem Patenonkel zurück nach London geholt. Mr. Thornton kann sie jedoch nicht vergessen, obwohl er denkt, dass sie mittlerweile anderweitig vergeben ist, und durchläuft einen Wandel, der Margaret unmöglich erscheint als sie davon hört. Und auch sie ertappt sich dabei öfter an ihn zu denken als ihr lieb ist auch weil er sie bei einem tödlichen Vorfall, bei dem sie Zeuge war, gedeckt hat und sie es nie aufklären konnte. Als sie erfährt, dass er kurz davor steht alles zu verlieren, was er sich aufgebaut hat, hat sie einen Plan und lässt ihr Herz sprechen.¿Ein wunderschöner englischer Klassiker, den ich schon lange lesen wollte auch, weil es dazu eine sehr gute mehrteilige Verfilmung von 2004 gibt.Während des Weihnachtstrubels kam ich leider etwas weniger zum Lesen und konnte es erst über die Feiertage beenden- mit einem lächelnden aber auch traurigem Auge.Margaret war mir sofort ans Herz gewachsen mit ihrer geduldigen, aufopfernden, lieben Art aber auch ihrem starken Wesen, Durchhaltevermögen und Durchsetzungskraft. War sie am Anfang noch recht unbedarft und empfand ihre Tante und Cousine noch als beste Gesellschaft, formte Milton sie zu einer starken, unabhängigen Frau und ließ sie erkennen, wie oberflächlich und langweilig ihr früheres Leben gewesen war. Was sie alles für ihre Familie tat und zu was sie für sie bereit war fand ich bewundernswert.Mr. Thornton war ein gebildeter, stolzer Mann, der es aus eigener Kraft weit gebracht hatte, jedoch keine Ahnung hatte von den Sorgen, Nöten und dem allgemeinen Leben normaler Menschen. Erst der Kontakt zu den Hales bildete eine Art Brücke, auch zu seinen Arbeitern und er begann zu begreifen, wie schwer das Leben für andere außerhalb seines Kreises war. Mr. Higgins war, auch wenn er ,,nur" zur unteren Arbeiterklasse gehörte, ein sehr integerer Mann. Er lehnte Gewalt beim Streik ab und kümmerte sich rührend um die Familie eines Mitstreikenden als die Situation finster wurde. Um das Richtige zu tun sprang er dann, genauso wie Mr. Thornton über seinen Schatten und überwand seinen Stolz. Das hatte er mit Mr. Thornton gemein und war der Anfang einer Verbindung zwischen den Klassen.Und auch wenn Margaret ihre Tante und ihre Cousine immer sehr schätzte muss ich sagen, dass ich sie im Laufe der Geschichte doch immer weniger mochte. Sie waren nicht wirklich für sie da und behandelten sie geradezu wie einen netten Schoßhund. Sie war für sie nette Gesellschaft im Haus wenn es ihnen danach war und sie durfte dann zum ,,Dank" Aufgaben für sie erledigen. Als Margaret sich dann zu einer starken Frau entfaltete, missfiel das ihnen doch ziemlich und Edith bat sie sogar bitte keinen zu starken Willen zu entwickeln. Margaret ging aber trotzdem ihren Weg und gütig und feinfühlig wie sie war ohne ihre Verwandten dabei vor den Kopf zu stoßen.Verschiedene Welten prallten im Buch aufeinander: Mr. Thorntons aufstrebende kapitalistische Gesellschaft des rauen Nordens, die obere Mittelschicht aus dem pittoresken Süden der Hales und die untere, niedrigere Klasse der armen Arbeiter. Im Laufe der Geschichte mussten Barrieren überwunden und Vorurteile abgebaut werden. Alle Charaktere profitierten davon über ihren eigenen Tellerrand hinauszublicken und wuchsen dadurch.Elizabeth Gaskell schaffte es hervorragend die Klassenunterschiede darzustellen und man fühlte mit den Charakteren mit.Natürlich drängte sich unwillkürlich auch der Vergleich zu Jane Austens ,,Stolz und Vorurteil" auf. Besonders Mr. Thornton ähnelte Mr. Darcy doch ziemlich, war aber meiner Meinung noch kälter und unnahbarer, jedoch dann genauso bereit sich selbst zu verändern und zu bessern, was ihn wie Mr. Darcy zu einem sehr interessanten und reizvollen Charakter machte.Margaret hatte im Gegenzug zu Elizabeth Bennet deutlich mehr zu erdulden und ich empfand sie tatsächlich auch als stärker und belastbarer.Verglichen mit Jane Austen war Elizabeth Gaskells Schreibstil etwas leichter zu lesen, obgleich man doch aufpassen musste in den mitunter langen Schachtelsätzen den Faden nicht zu verlieren. Was ich als schwerer empfand war der übersetzte Lancashire Dialekt. Hier bediente sich die Übersetzerin am Ruhrgebietsdeutsch. Besonders am Anfang musste man gut aufpassen etwas zu verstehen. Als Stilmittel um die Unterschiede zwischen den Klassen zu verdeutlichten fand ich es aber sehr gelungen.Die Geschichte im Ganzen hat mich berührt und mir sehr gefallen. Von Elizabeth Gaskell möchte ich gerne noch mehr lesen und sie steht meiner Meinung zu Unrecht in Deutschland noch zu sehr im Schatten.Zur Reclam Ausgabe muss ich jedoch noch etwas anmerken. Lange hatte ich gewartet, dass diese Geschichte endlich mal bei einem bekannten Verlag erscheint und als es dann schließlich im Oktober diesen Jahres soweit war und auch noch im für gute Klassiker bekannten Reclam Verlag, war ich erfreut aber leider auch kurz darauf etwas ernüchtert. Den Preis für 38 EUR (!) neu empfand ich schlicht überteuert. Die Anmerkungen im hinteren Teil waren hilfreich und das kurze Nachwort gab mir auch noch einige Informationen zur Autorin, aber für den Preis nicht einmal einen Schutzumschlag zu erhalten fand ich enttäuschend, gerade auch, weil kurz darauf zum Vergleich z.B. vom Coppenrath Verlag eine wunderschöne MinaLima Ausgabe von Mary Shelleys Klassiker ,,Frankenstein" herauskam, die für den exakt gleichen Preis vollgepackt war mit llustrationen und Extras an denen man sich kaum satt sehen konnte. Ich finde, dass Elizabeth Gaskells Klassiker trotz des hübschen Covers hier doch ziemlich stiefmütterlich behandelt wurde und es bei der Gestaltung etwas an Herz fehlte was ich sehr schade finde. Ab Mitte des Buches fielen mir dazu auch noch einige Rechtschreibfehler auf. Das kann der Reclam Verlag normalerweise besser und es machte mich ein wenig traurig.Elizabeth Gaskells Geschichte kann jedoch nichts dafür und bekommt von mir von Herzen (5/5)¿¿¿