Das Buch war das nächste auf meinem Lesestapel. Überschneidungen mit aktuellen Ereignissen sind rein zufällig!Die Geschichte spielt auf einer Insel vor der walisischen Küste kurz vor dem Eintritt Großbritaniens in den 2. Weltkrieg.Manod lebt mit ihrem Vater und ihrer kleinen Schwester in einer Gemeinschaft von Fischern. Die Insel ist abgelegen, die Verbindung zum Festland über die raue See schwierig, so dass das Leben auf dem Eiland noch eher den Gesetzmäßigkeiten der agrarischen Gesellschaft folgt. Das Dasein ist hart, die Menschen haben den Gewalten der Natur, ob meteorologisch oder medizinisch, wenig entgegenzusetzen, dementsprechend wird mit Worten und Emotionen sparsam umgegangen, wie soll man die Unbegreiflichkeit von Schicksal und ständiger unvorherzusehender Bedrohung auch ausdrücken. Aber das Zusammenleben der Inselbewohner basiert auch auf Vertrauen, Verlässlichkeit und der Einhaltung von sozialen Normen, anders wäre so eine enge Sozialgemeinschaft nicht überlebensfähig.Mit einem gestrandeten Wal tauchen auch ein Paar von Ethnologen auf, die die Gebräuche der Inselgemeinschaft dokumentieren wollen, womit auch einfließt, dass diese Lebensweise im Verschwinden begriffen ist.Manod träumt davon, das schwere, ärmliche Leben hinter sich zu lassen, wobei sie wenig konkrete Vorstellungen hat wie ihre Zukunft dann aussehen soll. Sie sehnt sich einfach nach weniger schwerer Arbeit, weniger rauer Witterung und mehr bescheidenen Besitztümern.Mit den Ethnologen aus Oxford trifft die Moderne auf der Insel ein. Joan und Edward haben eine andere Sozialisation hinter sich, sie gehören dem Bürgertum an, haben durch Bildung Kontakt mit verschiedenen Ideen gehabt und sich schon lange von den engen moralischen Vorstellungen der mit der Natur lebenden bäuerlichen Schicksalsgemeinschaft gelöst. Sie verkörpern den Fortschritt und obwohl sie eine romantische Vorstellung vom einfachen Leben haben nehmen sie die Insulaner nicht wirklich ernst, sie behandeln sie eindeutig wie eine etwas niederere Lebensform auf deren Gefühle sie nicht unbedingt Rücksicht nehmen müsssen. Dazu gehört auch, dass sie sich nicht scheuen ihre ethnographischen Studien zwischendurch mit gestellten Szenen und verfälschten Beschreibungen aufpeppen wenn es ihnen zweckdienlich erscheint.Letztendlich beschreibt der Roman eine Zeitenwende, das Übergehen des agrarischen ins technische Zeitalter, in die all die Wehmut des unwiderbringlich verloren Gehenden gestrickt wird, was die Handlung aber auch leicht an die Grenze zum Kitsch bringt weil wir uns genau in der verlogenen Position von Joan und Edward befinden, die von Dingen träumen die sie sich in aller Konsequenz ehrlicherweise sicher nicht zurück wünschen. Daher findet sich am Ende des Buches auch keine Katharsis, dem nach Verwertbarkeit ausgeschlachteten Wal des rationalen Zeitalters wird nochmals die animistische magische Prozession mit seinem verbliebenen skelettierten Schädel entgegengestellt. Wie die Geschichte wirklich ausgegangen ist wissen wir alle aus den Geschichtsbüchern.Mir hat die Beschreibung des rauen Insellebens, die sich in der eher wortkargen Sprache und den kurzen Kapiteln gut widerspiegelt gefallen, auch wenn das zu Grunde liegende Thema nicht wirklich originell ist. Man merkt der Autorin an, dass sie ein PhD in Literaturwissenschaft hat. In dem Buch werden viele Ideen, bis hin zum existentialistischen Konzept des Autrui, angerissen, die meisten versanden aber still wieder wie die Wellen im Meer.