
Inhaltsverzeichnis
Intro
Über wilde Wasser
Helden und Opfer, Dramen und Triumphe: Warum wir die Musik der 1970er Jahre noch heute cool finden
4. Mai 1970
»Verdammt, die haben einen umgebracht! «
Singer-Songwriter und Softrock: Wie Los Angeles zur Welthauptstadt des Pop wurde
5. März 1971
Pinkelpause in Ulster Hall
Blues, Prog und Heavy Metal: Wie die Erben der Sixties dem Rock neue Perspektiven eröffneten
16. Juli 1972
Drei Musketiere an der Themse
No more Flowerpower: Wie der englische Glamrock den Pop erneuerte und ein transatlantisches Bündnis schloss
10. Oktober 1973
Apparatur und Tanz
Anschlussstelle Düsseldorf: Krautrock, Elektropop und drei junge Männer auf der Autobahn
14. September 1974
Wer erschoss den Sheriff?
Karibisches Joint Venture: Roots, Reggae, Rastafari und ein Lied, das um die Welt ging
Interlude
Mitten auf der Straße
New York, Miami und ein walisisches Bauerndorf oder: Wie drei Superstars den Mainstream fit für die Zukunft machten
17. Mai 1975
Von Predigern und Amazonen
Soul, Funk & Pop: Schwarze Musik, weiße Märkte, ein Schnappschuss und ein Besuch mit Folgen
4. Juni 1976
Brandstifter in der Free Trade Hall
Rotzrock und Zickenkrieg: Als Punk aufmuckte und dann doch von zwei Micks besiegt wurde
26. April 1977
Ein Schimmel im Freudenhaus
Sex & Drugs & Disco: Als ein altes Theater zum Nabel der Welt wurde und eine junge Sängerin so tat als ob
1. Juli 1978
Die in den Pausen tanzen
Beats, Breaks & Bronx: Wie New Yorker Kids eine neue Kultur erfanden und dabei auf überraschende Verbündete stießen
9. August 1979
Eine Frau zeigt es allen
Neue Wellen, Post-Punk und der Beginn der 80er: Rock zwischen Randale und Restauration
Outro
Anmerkungen
Abbildungsnachweis
Dank
Register
Zum Autor
Besprechung vom 02.05.2020
Die bunte Ich-Dekade
Songs, die im Gedächtnis blieben, ob man das nun wollte oder nicht: Der Musikjournalist Ernst Hofacker führt durch den facettenreichen Pop der siebziger Jahre.
Das Jahrzehnt, das sich popkulturell am tiefsten ins Gedächtnis eingeschrieben hat, sind die achtziger Jahre. Sie waren das Zeitalter der Superstars, der Bildgewalt von MTV und der griffigen Popsongs, die bis heute - ob freiwillig oder nicht - jeder kennt. Hitradiostationen, das Fernsehen, Musikclubs sind voll davon. Das vielfältigere, experimentellere und in der Breite aufregendere Jahrzehnt aber waren die Siebziger. Man braucht nur die Albumtitel aufzulisten und bekommt eine Ahnung davon, wie abwechslungsreich sie klangen: "Tago Mago", "Dark Side Of The Moon", "What's Going On". "Natty Dread", "London Calling" oder "Saturday Night Fever". Sie wurden zur "vielleicht fruchtbarsten Phase der modernen Popmusik", schreibt der Musikjournalist Ernst Hofacker in seinem Buch über "Die 70er. Der Sound eines Jahrzehnts".
Aus dem Vorhaben, die sozialen, politischen, wirtschaftlichen, technischen und kulturellen Hintergründe der popmusikalischen Entwicklung zu beleuchten, ist eine mitreißend geschriebene Chronik dieser Epoche geworden. "Als das Jahrzehnt begann, waren die hochfliegenden Träume der Sixties geplatzt, an die Stelle ihres bilderstürmenden Optimismus war weitgehende Desillusionierung getreten", schreibt Hofacker. Anders als zu Sergeant-Pepper-Zeiten sei der Ton aggressiver geworden, Fortschrittsskepsis und Umweltschutz, die Demokratisierung der Bildungschancen waren prägende Themen des Zeitalters, für dessen Charakterisierung Tom Wolfes Zitat von "The Me Decade" herhält. "Pop spiegelte all das wider", so Hofacker, "nicht immer konkret und in Songtexten, meistens reichte es auch, wenn er die emotionale Textur um sich herum aufnahm."
Hofacker, der seit rund zwanzig Jahren etwa für "Soundcheck", "Bravo" und "Musikexpress" schreibt und mehrere Bücher veröffentlicht hat, zeichnet in der Tradition des erzählerischen, soziologisch erklärenden Musikjournalismus, der nahezu ausgestorben ist, Entwicklungen anhand ihrer Protagonisten nach. Bewusst grenzt er sich von Verklärungen in oberflächlichen Rundfunkformaten ab. "Ihre spirituelle Kraft, ihre Faszination, ihren historischen Impuls" könne Musik nur in ihrem zeitlichen Kontext entfalten.
Sein Kunstgriff, der ihn durch die Epoche führt, ist es, für jedes Jahr eine Aufnahme, ein Ereignis oder eine Figur herauszugreifen und an ihr die musikalische Dynamik zu erklären. Dabei gräbt er tief in der Geschichte, um die Wurzeln eines Stils (Reggae, Glam, Disco) zu ergründen. En passant dokumentiert er, wie Los Angeles mit seinen "archetypischen L.A.-Cowboys, die ihr goldenes Koks-Löffelchen am Goldkettchen um den Hals trugen", London als globale Popmetropole ablöst. Aus dem "break on through", das Jim Morrison in den Sechzigern herausposaunt hatte, oder dem "tear down the walls, motherfucker" der Jefferson Airplane ist ein anderes Motiv geworden: Zu Beginn der siebziger Jahre tat sich ein neues Terrain auf. "Das Leitmotiv hieß jetzt: Unbekannte Welten erkunden!" So machten sich Fans mit Led Zeppelin, Deep Purple, Pink Floyd, Yes auf zehn- bis zwanzigminütige Reisen in Phantasiewelten.
Die Begeisterung für diese Pioniere ist in den Ausführungen spürbar. Doch mit allzu eindeutigen Bewertungen hält Hofacker sich zurück. Viel Sympathie für Bowie, Queen und Led Zeppelin ist unverkennbar. Dass er einige wichtige Formationen des Zeitalters wie Genesis, Steely Dan oder 10cc beinahe oder nahezu ignoriert, ist bei publizistischen Vorhaben dieser Art unvermeidlich. Ansonsten ist der nüchtern-analytische Stil nützlich, um vergleichsweise agnostisch Entwicklungen nachzuzeichnen. Viele Rockfans der ersten Jahre standen dem Schwenk ab Mitte der Siebziger zu Disco und Elektronik ablehnend gegenüber. Doch Hofacker begleitet alle Beteiligten, ob Giorgio Moroder, die Bee Gees, Chic oder die Village People, mit Respekt. Erst recht die begnadeten Songschreiber von Abba.
Mit genauem Blick beobachtet er, wie sich in den Siebzigern das Frauenbild verändert. Eine der Pionierinnen war die Funk-Sängerin Betty Davis, die eine Persona der hyperpotenten schwarzen Superamazone erfand und nach nur drei Platten an den Ansprüchen der Industrie scheiterte, die softe Kätzchen vermarkten wollte. Oder die Stars der New Yorker Punk-Ära: Debbie Harry und Patti Smith. Chrissie Hynde, Musikjournalistin und Pretenders-Sängerin, wird mit der Aussage zitiert, Punk habe sich dadurch ausgezeichnet, "dass sexuelle Diskriminierung in dieser Szene nicht existierte". So wurde möglich, dass weibliche Rockstars ihre eigene Marke kreierten: "Debbie Harry und Patti Smith aber sangen nun davon, was sie tun würden."
"Die 70er" hebt sich von der verbreiteten selbstverliebten oder semiotischen Popbeschreibung ab. Punk ist bei Hofacker ein Phänomen, das sich zwischen grassierender Inflation, dem Aufstieg Margaret Thatchers und dem Vermarktungsgeschick Malcolm McLarens bewegt. Krautrock deutet er als Versuch der Selbstbehauptung zwischen internationaler Bewunderung und einheimischer Ignoranz. Und Hiphop ist eine neue Ausdrucksform diskriminierter Bevölkerungsgruppen, in der erstmals schon geschaffene Musik zum Material wird. Hofackers Geschichtsschreibung ist das Gegenmodell zu kontextlosen Nostalgieshows in Radio und Fernsehen. Sie zeigt, welche Schätze im Pop verborgen sind. Es ist ein bewährtes Modell. Vielleicht haben Autor und Verlag ja Lust, auch die anderen Jahrzehnte seit der Geburt des Pop zu traktieren.
PHILIPP KROHN
Ernst Hofacker: "Die 70er". Der Sound eines Jahrzehnts.
Reclam Verlag, Ditzingen 2020. 350 S., Abb., geb., 28,- [Euro].
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