Sehr guter und lesenswerter Roman
¿Ein schmaler Grat' ist ein außerordentlich interessanter Roman, der sich mit den privaten und beruflichen Schwierigkeiten einer jungen ambitionierten und vor allem ehrgeizigen Psychiaterin beschäftigt. Ich habe das Buch mit großem Vergnügen gelesen. Der Plot ist gut und der Spannungsbogen bleibt bis zum Schluß erhalten. Es ist erkennbar, daß das Buch mit großer Sorgfalt und Genauigkeit, aber auch mit Leidenschaft und Herzblut geschrieben wurde. Anfangs hatte ich etwas Schwierigkeiten in den ¿flow' der Geschichte hineinzufinden, was vermutlich auch etwas mit der Struktur des Textes mit vielen kurzen Kapiteln zu tun hat. Rasch nimmt die Geschichte aber Fahrt auf und das Buch wird zu einem regelrechten ¿page-turner'.Die junge Psychiaterin ist in ihrer paranoiden Position gefangen und schädigt bzw. gefährdet mit ihrem Verhalten nicht nur andere, sondern vor allem auch sich selbst. Das ist irritierend und macht es dem Leser anfangs schwer, sich für Carlotta, das Mädchen aus gutem Hause mit vermeintlich sehr guten Startbedingungen zu erwärmen. Es gelingt dem Buch aber erfreulicherweise, das Leiden, die inneren Kämpfe und die Einsamkeit der Hauptakteurin zu vermitteln, und - vielleicht noch wichtiger - auch Hoffnung auf eine mögliche Verbesserung ihrer Situation zu machen. Die liebevolle Schilderung der Mutter Sonia ist berührend und zählt für mich mit zu den besten Passagen des Buches. Den nicht einschlägig vorbelasteten Leser wird es überraschen, daß man überhaupt Psychiater mit so wenig Selbsterkenntnis und Kritikfähigkeit, und gleichzeitig so großer Angst und Unsicherheit im Umgang mit Menschen werden kann. Aber so ist es halt.Es ist ein Buch über Frauen und deren Perspektive auf Beziehungen in der Familie, mit Freunden, im Liebes- und auch im Arbeitsleben. Die Anerkennung durch die männlichen Hauptfiguren in Gestalt des Vaters Francesco und des Chefs Ellis sind sehr bedeutsam für Carlotta. Im Vergleich zu den Frauen sind sie emotional weniger involviert, möchten Konflikte vermeiden, und sind hilflos und verzweifelt, wenn sie die gewohnte Kontrolle verlieren. Die Abhängigkeit von dieser Anerkennung führt bei Carlotta dazu, daß bereits ein befürchteter oder imaginierter Verlust der Anerkennung als Zurückweisung oder Ablehnung erlebt wird und zu einer emotionalen Krise führt, die mit starker Angst, Wut, vermindertem Selbstwertgefühl, sozialem Rückzug und auch körperlichen Beschwerden einhergehen kann.Obschon ein übersteigerter Ehrgeiz und ein unfairer Umgang mit Kollegen im Arbeitsleben immer schwierig und befremdlich sind, so stellt sich doch die Frage, ob Carlottas Verhalten als weniger unangemessen oder verwerflich angesehen würde, wenn Carlotta ein Mann wäre, da ein solches Verhalten bei Männern gesellschaftlich wohl eher toleriert wird oder sogar positiv als zielstrebig und karriereorientiert konnotiert werden könnte.Ich vermute, daß Frauen der Zugang zur Geschichte leichter fallen könnte und das Buch bei der weiblichen Leserschaft auf jeden Fall gut ankommen wird. Ich hoffe, das Buch findet viele Leser.