Trauer ist still und schaut in den Wald, die Wut aber lärmt und tritt, boxt und knurrt. So wie Lina.
Atemlos, wild, gnadenlos, ohne Vorwarnung werden wir hineingeschleudert in das Leben von Lina, in dem die Zeit in die falsche Richtung läuft, denn sie landet mitten in der Vergangenheit. Sie kommt zurück nach Wildhof, den Ort ihrer Kindheit, wo der Wald, das Haus, die Geister und die Tentakel der Erinnerung auf sie warten. Das Haus auflösen, sich im Wald verwurzeln.
Sofort sind sie da, gnadenlos, im Text wie in Linas Kopf, Erinnerungsfetzen. See, Baumhaus, Bilder, Klavier, Regen, Eltern, Freundesband, Kunst, Leben, Hund Sherry, lachen, Luise. Ungefiltert prasselt es weiter, die Putzflaschen mit Vodka drin, die Bewährung.
Was ist denn nur geschehen? Wo ist Lina hier hineingeraten? Der Wald ist um das Haus, er beschützt, er lebt, er ist laut. Alles ist laut. Nur manchmal gibt es Pausen.
Lina kotzt, weint, schreit, lehnt sich auf, konfrontiert, benennt das Unsagbare, sucht die Stille, durchbricht das Schweigen, wird wieder Teil der Natur in Wildhof. Und lässt die alten Freund*innen wieder an sich heran.
Eva Strasser hat einen überwältigenden, großartigen, freien, wilden und mystischen Roman geschrieben, den ich von der ersten bis zur letzten Seite gefeiert habe. Er ist voller Musik, Farben, besonderer Menschen, die das Schwierige aushalten, voller Gerüche, Kaffee, Zigaretten und Geräusche, Schuld, Scham, Trauer, Wut.
Lina stellt sich ihrer Vergangenheit mit viel unterschwelligem Humor, Selbstironie und Hilflosigkeit. Im Text ist Wucht, er ist tollkühn und wunderschön, intensiv und ohne Kompromisse. Sprachlich ist das ganz, ganz groß. Das Leben kann ja nun mal auch größer sein als die Gefühle.
Was für ein fantastisches Buch. Es bleibt spannend bis zum Schluss. Das Drehbuch sieht ein offenes Ende vor, und das ist gut so. Denn da draußen wartet eine Zukunft.