James Cook, der legendäre britische Seemann, ist heute umstritten. Seine Forschungsfahrten werden als Teil des britischen und europäischen Kolonialismus gewertet, und wegen der fatalen Folgen dieser Entwicklung für die Kolonien wird auch die Person Cooks zunehmend kritisch gesehen.
Hier setzt der Historiker und Journalist Hampton Sides an. Cook war vor allem Entdecker und Kartograf, nicht Eroberer und Kolonialist, sagt er und will diesem Mann Gerechtigkeit widerfahren lassen. Dazu greift er auf eine schier unendliche Fülle von Quellen zurück, um die dritte Reise Cooks nachzeichnen zu können: eine Reise, auf der Cooks Persönlichkeit sich verändert hatte.
Cook, der sonst immer besonnen und empathisch agierte und das Wohl seiner Mannschaft im Auge hatte, zeigte sich hier unkonzentriert und launisch, und er ließ sich zu überzogenen, teils auch gewaltvollen, unklugen Aktionen hinreißen, die letztlich mitverantwortlich für das schlimme Ende seiner Reise waren. Sides verzichtet auf eine späte Diagnose, aber er stellt deutlich Cooks Desillusionierung heraus. Cook sieht die Inbesitznahme eines von anderen Völkern bewohnten Landes zunehmend kritischer und erkennt, dass sein Besuch zwar England nutzt, den indigenen Völkern aber schadet und den Untergang ihrer Kultur zur Folge haben wird. Wir verderben ihre Sitten und hinterlassen Bedürfnisse und Krankheiten, schreibt er in seinem Tagebuch, und wer an der Wahrheit dieser Aussage zweifelt, möge mir erklären, was die Ureinwohner Amerikas durch den Kontakt zu Europäern gewonnen haben. Wie wahr!
Cooks Bedeutung als genialer Hydrograf und Kartograf ist nach wie vor unbestritten, ebenso seine Maßnahmen, mit denen er die gefürchtete, tödliche Seemannskrankheit Skorbut besiegen konnte. Sides stellt Cook auch als engagierten Anthropologen heraus, der sich den indigenen Völkern, z. B. in Polynesien, neugierig, aufgeschlossen und vorurteilsfrei näherte, was wiederum im zutiefst rassistischen England auf Widerstand stieß. Cook ließ sich nicht beirren und zeigte seinen Respekt vor den Indigenen z. B. dadurch, dass er auf seinen Karten immer den ursprünglichen Namen vermerkte. Sides sieht den eurozentristischen Begriff Entdecker ebenso wie Cook eher kritisch, da die entdeckten Gebiete bereits längst von anderen Völkern entdeckt und besiedelt worden waren.
Das alles erzählt Sides in einer Sprache, die den historisch interessierten Laien erreicht. Gelegentlich holt er aus und stellt z. B. die Bedeutung der Nordwest-Passage im historischen und geopolitischen Kontext vor, oder er zitiert kurz die aktuelle Forschungsdiskussion. Immer bleibt seine Darlegung spannend, anschaulich, immer an Quellen orientiert, auch an mündlich tradierten polynesischen Quellen, immer lebendig und fesselnd.