Im Museumsshop des Leopold Museums in Wien konnte ich nicht widerstehen. Auf dem Cover des kleinen Bandes aus der Reihe blue notes von ebersbach & simon ist eine Fotografie aus dem legendären Salon der Madame d'Ora (Dora Kallmus) abgebildet. Eine mondäne Dame im blauen Samt, lässig, vielleicht gelangweilt, leicht amüsiert an einem Podest lehnend. Jedenfalls ein sehr schönes Motiv und so typisch für die Zeit, in der es entstand.
Kallmus und andere fotografierten die Tänzerinnen, die den Tanz Anfang des 20. Jahrhunderts revolutionierten. Ihr und ihren Mitstreiterinnen ist eines der Kapitel in dem Band Wiener Melange - Frauen zwischen Salon und Kaffeehaus von Heike Herrberg und Heidi Wagner gewidmet. Ein schöner kleiner Überblick über das, was Frauen trotz teilweise widrigster Umstände für die Moderne in Wien geleistet haben. Es geht um die Reformpädagogik, die Tanzrevolution, die Fotografie, das Kaffeehaus, die Literatur, den Journalismus, die Bühne und die Salons. Um alles, was das Leben reicher macht. Viel, viel Neues, Unerhörtes, Unbequemes.
Nach dem Ersten Weltkrieg war Österreich auf einen Rest zusammengeschmolzen. Nicht allen gefiel, was sie auf den Straßen sahen. Aber die großbürgerliche Salonière Zuckerkandl wusste dagegenzuhalten: "Auf den Tramways, in den Geschäften, in den Kaffeehäusern, hört man jetzt klagen, daß Menschen sich herumdrängen, die gegen die Sitten unserer Stadt verstoßen. Also die Wiener verlangen wohlerzogene Flüchtlinge. Ich weiß nicht, ob es das überhaupt gibt. Und ob gerade der Wiener, der, wenn er auf Lustreisen, von internationalem Komfort umgeben, tief verstimmt sein Rindfleisch und seine Virginier vermisst, ein überaus netter Flüchtling wäre."
Zitate wie diese machten das schmale Bändchen (138 Seiten) aus dem Jahr 2014 trotz der Kürze für mich zu einem Lesegewinn, auch wenn ich die Umrisse der Geschichte und viele der Protagonistinnen kenne. Beispielweise aus dem Buch von Kris Lauwerys "Vom Licht in die Dunkelheit" über Emilie Flöge, Milena Jesenská und Veza Canetti oder
aus dem umfassenden Band "Stadt der Ideen" von Richard Cockett über den intellektuellen Einfluss Wiens auf Entwicklungen des 20. Jahrhunderts (beide Besprechungen im Feed).
Kurze Blicke auf eine faszinierende Epoche zwischen Opulenz, tiefster Armut und Aufsehen erregenden Neuanfängen. Mit vielen Bildern und einem knappen Literaturverzeichnis.
Mehr Infos im Blog: www.kultursalon.blog