Demaskiert den Mythos des "maschinellen" Lernens und die Ausbeutung dahinter und wie KI unsere Arbeitswirklichkeit schon jetzt bedroht.
Bei maschinellem Lernen denken die meisten wohl an sterile Rechenzentren, in denen Riesencomputer leise vor sich hinsurren. Dieses wichtige Buch zeigt, dass ein Mythos ist. Die angebliche "künstliche" Intelligenz funktioniert nur, weil Millionen von Menschen diese Maschine füttern, wie der Titel schon sagt. Dies tun sie meist in ausbeuterischen Jobs. Und die KI befördert wiederum, dass Kontrolle und Ausbeutung in immer mehr Jobs um sich greift. Diese Mechanismen machen die drei Autoren, die seit Jahren zu diesem Thema forschen und mit unzähligen Menschen gesprochen haben, die Teil dieser ausbeuterischen "Extraktionsmaschine" sind."Wenn wir KI-Produkte nutzen, klinken wir uns direkt in die Leben dieser über den ganzen Globus verstreuten Arbeiter und Arbeiterinnen ein. Wir sind, ob wir es wollen oder nicht, mit ihnen verbunden. Genauso wie das Kaffeetrinken den Kaffeetrinker in ein globales Produktionsnetzwerk von der Bohne bis zur Tasse einspannt, (...)"Idealtypisch stellt uns das Buch so sieben Berufsfelder vor: Annotatorin, Ingenieurin, Techniker, Künstlerin, Logistiker, Investor, Aktivist. Anhand ihrer Tätigkeiten fächern die Autoren die unterschiedlichsten Aspekte auf, die Grundlage der KI-Produktion sind. Scheinbare selbstfahrende Autors können z.B. nur deswegen "selbstfahren", weil Menschen wie Anita in Uganda am Computer sitzen und Fotos kategorisieren und anmerken. Zentral ist der Gedanke, dass die kapitalistische Ausbeutung nichts Neues ist, schon die Optimierungen des Fließbandes unter Ford führte zu mehr Kontrolle und Überwachung, KI diese aber auf ein neues Level heben kann. Beim Kapitel über die Investitionen wird die kalifornische Form des Investments schon auf den Genozid an den Indigenen dort zurückgeführt und zudem das Märchen des freien Marktes gebrochen: Ein Großteil der Techinvestitionen stammt aus dem Staatshaushalt zur Entwicklung von Rüstungstechnologie im kalten Krieg. Gerade diese vermeintlichen Schlenker, die das große Bild ergänzen, in Kombination mit den ganz persönlichen Geschichten der KI-Arbeiter*innen begeistern mich bei diesem Buch. Dazu liefert es auch Hoffnung und stellt die Bedeutung von Solidarität und Gewerkschaften heraus, auch, wenn diese in einem transnationalen Markt durchaus Schwierigkeiten haben. Aber verloren ist da noch nichts.Mir gefiel sehr gut, dass das Buch immer mal wieder Schlussfolgerungen und Bezüge zwischen den verschiedenen Kapiteln herstellt. Das war gerade bei der Lektüre als ungekürztes Hörbuch sehr hilfreich. Die nüchterne Lesung von Stefan Kaminsky, die aber gleichzeitig den Arbeiter*innen eine sehr nahbare Stimme gab, gefiel mir sehr gut.Trotzdem gab es hier immer mal wieder Redundanzen, gerade in Bezug auf die Bedeutung von Gewerkschaften. Da wäre stattdessen noch Platz gewesen, um u.a. die ideologischen Hintergründe von Big Tech zu beleuchten, u.a. der Transhumanismus von Peter Thiel und Co. kommt nur ganz am Rande vor. Genau wie auch die staatliche Überwachung durch eine Software wie Palantir nur am Rande gestreift werden, das kann aber auch daran liegen, dass es hier um die Arbeitswelt geht. Diese Redundanzen, die mir auffielen, sind dann auch der Grund, warum ich schwanke, ob ich 4,5 Sterne vergebe und aufrunde, oder es in der Konsequenz doch nur ein 4 Sterne-Buch ist.Am allerwichtigsten ist allerdings der Gedanke, dass KI keine übermächtige Technik ist, die alles neutral beurteilen kann. KI ist weder übermächtig, noch neutral, noch selbstlernend. Und es gibt durchaus auch Interessen, dass sie als übermächtig dargestellt wird, weil so noch mehr Geld in ihre Entwicklung gepumpt wird, egal wie viele KI-Unternehmen schlussendlich pleite gehen werden. Obwohl KI nicht übermächtig ist - und die SciFi-Gefahr eine Auslöschung der Menschheit maximal in mehreren Jahrzehnten eine Rolle spielen dürfte - gefährdet sie schon jetzt unser aller (Arbeits)Leben, weil durch die mögliche Überwachung unsere Freiheit als Individuen schon jetzt massiv beschränkt.Weil diese Gedanken so wichtig sind, runde ich meine 4,5 Sterne auf. Ich empfehle das Buch allen, die mehr über die Welt hinter der KI lernen wollen. Das gelingt in diesem Buch sehr anschaulich.