Meisterhafter Historien-Epos mit unvergesslichen Charakteren. Das Mittelalter zum Anfassen und ein absoluter Genre-Klassiker!
Wir befinden uns im mittelalterlichen England des 12. Jahrhunderts, zu einer Zeit politischer Wirren und persönlicher Katastrophen. Nach dem Untergang des einzigen legitimen Thronerben zerbricht das Reich in einem Bürgerkrieg zwischen König Stephan und der rechtmäßigen Thronerbin Kaiserin Mathilde. In dieser Zeit steht die verarmte Priorei Kingsbridge vor dem Nichts, bis der ehrgeizige Prior Philip die Vision entwickelt, eine große Kathedrale zu bauen. Um Kingsbridge herum verflechtet sich ein komplexes Netzwerk von Schicksalen: Tom Builder, der wandernde Baumeister, der sein Leben lang von einer Kathedrale träumt. Aliena, die Tochter eines gestürzten Grafen, die nach dem tragischen Verlust ihrer Familie um Rache und ein neues Leben kämpft. Jack Jackson, ihr späterer Geliebter, der sich zu einem genialen Baumeister mit revolutionären Ideen für die gotische Architektur entwickelt. Am Ende führt die Handlung zum berühmten historischen Mord an Erzbischof Thomas Becket in Canterbury 1170.Der wichtigste Grund für meine volle Punktzahl sind die vielschichtigen Charaktere. Ken Follett hat mit Jack, Aliena und Prior Philip drei der unvergesslichsten Figuren der modernen Historienromanliteratur geschaffen. Sie sind komplex, widersprüchlich, menschlich, keine typischen Klischee-Helden, sondern echte Menschen mit Fehlern, Sehnsüchten, Ängsten und Träumen. Was besonders beeindruckt: Follett zeigt uns diese Menschen in allen Lebensphasen. Wir sehen Jack als Kind, Jugendlichen, Vater und etablierten Baumeister. Wir sehen Aliena von der behüteten Adelstochter zur brutal getroffenen Kämpferin, zur erfolgreichen Wollhändlerin. Diese lebenslangen Entwicklungen sind selten in einem einzigen Roman zu finden.Aliena verdient eine besondere Erwähnung. Sie ist eine der stärksten weiblichen Hauptfiguren der modernen Historienliteratur. Sie verliert alles, erleidet unaussprechliche Gewalt und baut sich trotzdem aus dem Nichts ein neues Leben auf. Als selbstständige Wollhändlerin, als Kämpferin für ihre Familie, als Frau, die aus eigener Kraft ihr Leben gestaltet. In einer Zeit ohne Frauenrechte kämpft sie mit allen Mitteln. Follett hat hier eine feministische Heldin geschaffen, die auch nach 35 Jahren nichts an Kraft verloren hat. Jack ist der geniale Baumeister mit dem revolutionären Blick für die gotische Architektur, seine Coming-of-Age-Geschichte verbindet emotionale Charakter-Entwicklung mit historischer Baukunst-Geschichte. Prior Philip ist meine Lieblingsfigur, die moralische Instanz des Buches, ein Mann, der versucht, in einer korrumpierten Welt anständig zu bleiben, ohne perfekt zu sein.Was den Roman zusammenhält, ist der Kathedralbau von Kingsbridge, mit der realen Kathedrale von Salisbury als Vorbild. Follett zeigt uns Schritt für Schritt, wie ein solches monumentales Bauwerk entsteht, von den romanischen Anfängen bis zur revolutionären gotischen Vollendung. Diese architektonische Ebene ist so faszinierend, dass viele Leser:innen nach dem Buch tatsächlich mittelalterliche Kathedralen besuchen wollen. Follett verwandelt Steine in Poesie. Und er zeigt uns das Mittelalter, wie es wirklich war, nicht romantisiert. Das Leben war hart, die Frauen hatten kaum Rechte, die Kirche war Zufluchtsstätte und Machtapparat zugleich. Diese Ehrlichkeit macht das Buch zu einem wertvollen Werk. Auch die Antagonisten sind vielschichtig: Bischof Waleran, der ehrgeizige Kirchenmann, der Macht über Spiritualität stellt, und William Hamleigh, dessen Herkunft und Manipulationen durch seine dominante Mutter seine Gewalt psychologisch nachvollziehbar (nicht entschuldbar) machen.1294 Seiten sind eine Ansage. Aber Follett braucht diese Seiten, um sein Epos zu erzählen, die Charaktere über Jahrzehnte zu entwickeln, die Kathedrale Stein für Stein wachsen zu lassen. Wer sich einlässt, wird belohnt. Die Länge fügt sich der Geschichte. Ein Hinweis für Neu-Einsteiger:innen: "Die Säulen der Erde" ist der erste Band der Kingsbridge-Reihe, aber mein Rat ist, hier zu beginnen und nicht mit dem später erschienenen Prequel "Der Morgen einer neuen Zeit". Das ist Folletts Meisterwerk und der emotionale Kern der Reihe.Mein Fazit: Einer der besten Historienromane, die je geschrieben wurden. Vielschichtige Charaktere, authentisches Mittelalter, ein Kathedralbau als roter Faden und die politische Verwebung mit realer englischer Geschichte machen das Buch zu einer echten Bildungs- und Unterhaltungs-Erfahrung. Über 26 Millionen verkaufte Exemplare weltweit sprechen für sich.Empfehlenswert für Fans großer Historien-Epen und Familiensagen wie Rebecca Gablé, Bernard Cornwell, Sarah Lark oder Hilary Mantel. Für alle, die tief in eine Welt eintauchen wollen, die architektonische und politische Geschichte lieben und feministische Heldinnen im historischen Setting schätzen. Perfekt für Herbst- und Winterabende oder für den Urlaub. Eher nichts für dich, wenn du schnelle Pageturner mit 300 Seiten bevorzugst, mit den harten Themen (besonders sexualisierte Gewalt) nicht konfrontiert werden möchtest oder ein romantisiertes Mittelalter-Bild erwartest.