5/10 Interessanter Plot mit schwachen Charakteren
"Die Säulen der Erde" dreht sich um den Kathedralenbau in Kingsbridge und die vielen Charaktere, deren Schicksale damit verbunden sind. Das Buch erzählt von Tom Builder und seiner Familie und wie sie die Strapazen des Mittelalters überleben. Im weiteren Verlauf lernen wir Mönche, Adlige und Könige kennen. Es geht um Religion, Krieg, Verrat, Politik und die Brutalität des Mittelalters. Außerdem dreht sich auch viel um das einfache Leben im Mittelalter und vor allem darum, wie man eine Kathedrale baut. Meiner Meinung nach nimmt sich das Buch jedoch zu viel vor und lässt viel ungenutztes Potenzial liegen - besonders bei den Charakteren.Plot: Die Geschichte ist formal gut ausgearbeitet. Es gibt ein ständiges Hin und Her zwischen den Protagonisten und den Antagonisten. Den Protagonisten werden immer wieder Steine in den Weg gelegt und man weiß nie, wie schlimm es ihnen diesmal ergehen wird. Dennoch wird das Buch an einigen Stellen langatmig. Da liest man schon mal 100 Seiten und hat das Gefühl, dass nichts passiert ist. Es war dennoch ganz interessant zu sehen, wie die verschiedenen Charaktere getrennter Wege gegangen sind und das Schicksal sie immer wieder zusammengeführt hat.Was mich sehr überrascht hat, war die Romanze, welche nach der Hälfte des Buches begann. Diese war spannend und man wollte, dass die zwei Charaktere endlich zueinanderfinden.Schreibstil:Der Schreibstil liest sich gut und man kommt teilweise schnell voran. Dennoch wirkt die Schreibweise auf lange Sicht sehr eintönig. Die wenigen Momente, in denen der Autor es schafft, eine besondere Szene im Kopf des Lesers zu malen, sind rar gesät.Wer allerdings auf ausführlich detaillierte Beschreibungen von Kathedralen steht, wird hier voll auf seine Kosten kommen. Ich habe sie im letzten Viertel des Buches nur noch überflogen. Generell empfand ich manche Erklärungen als zu ausgedehnt und man hat das Gefühl, dass das Buch um ca. 100 Seiten gekürzt werden könnte. Besonders die 2,5 bis 3 seitige Ausführung einer Bärenhatz hat mir dahingehend den Rest gegeben.Charaktere und Themen:Wer spannende Charakterentwicklungen erwartet, welche sich an die angeschnittenen Themen des Buchs anknüpfen, sollte sich lieber was anderes zu lesen suchen. Viele der Charaktere sind einfach eintönig und langweilig geschrieben. Diese Probleme führen teilweise dazu, dass manche Protagonisten einfach nur noch unsympathisch sind und die Kapitel aus ihrer Sichtweise mich einfach nicht mehr interessiert haben. Generell bleiben die Charaktere starr und ändern sich (wenn überhaupt) kaum. Es ist immer sehr klar, wer gut und wer böse ist. Dadurch bleibt viel ungenutztes Potenzial für interessante Charakterentwicklungen und thematische Anknüpfungen liegen.Gerade mit dem Blick auf die Thematiken des Buchs bekommt man den Eindruck, dass das Buch eher das Mittelalter dokumentieren möchte, als irgendeine interessante Aussage über Religion, Kriege oder Motivationen zu repräsentieren.****Ab hier: !!! Spoiler !!!über ein paar Charaktere und manche Ereignisse.****Tom:Mal ganz davon abgesehen, dass Tom von dem Gedanken geil wird, dass eine Frau im Wald vergewaltigt wird, ist er auch sonst kein guter Mensch. Seine neue Frau Ellen (die er übrigens direkt nach dem Tod seiner alten Frau Agnes vögelt) sagt uns zwar, dass Tom einer sei, doch dies ist einfach nicht glaubwürdig. Er hat sich im Anfang des Buches dem Antagonisten William stark entgegengestellt, doch das war es auch schon mit seinen guten Taten.In der Schikane seines Sohnes Alfred gegenüber der Tochter Martha und Ellens Sohn Jack sieht Tom kein Problem. Dass seine Tochter wegen Alfred öfters weinen muss und dass Jack blau und blutig ist, scheint Tom nicht zu interessieren. Was er am schlimmsten findet, ist, dass Ellen ihn doch bitte nicht verlassen soll. Mir kommt das Kotzen.Auch ist es schade, dass Tom keine Konsequenzen aus seinen Handlungen ziehen muss. Es war seine Schuld, dass seine Familie beinahe verhungert wäre, nur weil er unbedingt eine Kathedrale bauen wollte. Nun gelangen sie nach Kingsbridge und bevor der rechtschaffene Tom mal vor schwere Entscheidungen gestellt wird, ist es der kleine Jack, der mehr Stärke an den Tag legt und die alte Kirche niederbrennt. Ähnlich ist es mit Ellen und Alfred. Anstatt dass Tom Verantwortung für seine schlechte Erziehung übernimmt, sagt er, dass man Alfred und Jack einfach gleich erziehen sollte, damit sie sich ebenbürtig fühlen. Ellen stimmt dem einfach zu (was auch ihren Charakter versaut), vergibt Tom und es ändert sich nichts.Beide Male kann Tom einfach wie gewohnt fortfahren und muss seinen Charakter nicht überdenken. Man stellt sich immer mehr die Frage, warum wir überhaupt seine Geschichte verfolgen.Ellen:Sie ist eigentlich einer der wenigen guten Charaktere in dem Buch, doch ist es einfach bescheuert, dass sie sich bei der ersten Begegnung in Tom verliebt. Pures Klischee. Generell scheint die "Liebe" zwischen Tom und Ellen nur aus Sex zu bestehen. Sie ist eine starke und selbstbewusste Frau, aber wenn es um Tom geht, trifft sie einfach nicht nachvollziehbare Entscheidungen.Martha:Sie ist eine absolute Nebenfigur und verdeutlicht einfach, dass Tom sich lieber um seine Söhne kümmert.William:Einer der Hauptantagonisten, dem es an Komplexität fehlt. Man lernt, ihn hassen, und er sorgt auch immer wieder für Konflikte in der Geschichte, doch wird er mit der Zeit immer langweiliger. Er ist einfach nur böse. Durch seine schrecklichen Taten entfacht der Autor ein Feuer des Hasses in dem Leser, das leider schnell verglimmt. Man wird der ganzen Vergewaltigungen und Schikane einfach überdrüssig.Zwar scheint er eine interessante Beziehung zu seiner Mutter zu haben und eine große Angst vor der Hölle, doch diese Aspekte seines Charakters bleiben unterbelichtet. Besonders seine Angst vor der Hölle scheint nur dann wichtig zu sein, wenn jemand das Wort laut ausspricht. Sein Handeln scheint es nicht wirklich zu beeinflussen, wodurch der Autor wieder viel Potenzial liegen lässt.Philip:Der Prior von Kingsbridge wirkt zunächst sehr kompetent und legt einen ansteckenden religiösen Eifer an den Tag. Jedoch findet auch bei ihm keine Entwicklung statt. Der Bau der Kathedrale wird immer wieder unterbrochen und jeder Sieg gegen die Antagonisten ist hart erkämpft. Dabei ist Philip immer wieder davon überzeugt, dass er dem Willen Gottes folgen würde. Dadurch wirkt er wie der ständige Gewinner, der nie seine Auslegung des Glaubens hinterfragen muss oder sich sonst wie moralisch ändern muss. Dies geht so weit, dass er in einer Stadt, welche durch eine feindliche Armee geplündert wird, niemandem helfen kann und Gott lauthals fragt, warum er ihn hierher geschickt habe. Spannend, wie Philip nun seinen Blick auf die Welt und die Religion jetzt wohl ändern wird. Stattdessen spielt dies keine weitere Rolle und er wird einfach von seinem Bruder aus der Gefangenschaft befreit. Langweilig.*****SPOILER ENDE*****Zusammenfassung:"Die Säulen der Erde" wirkt größtenteils wie eine reine Nacherzählung von Ereignissen aus dem Mittelalter. Die vom Buch aufgeworfenen Themen sind nur Dekoration für das Setting und es wird keine Verbindung zu den Entwicklungen (falls überhaupt vorhanden) der Charaktere hergestellt. Somit bleibt das Buch für mich nur ganz nett. Mittelalterfans wird es vielleicht mehr zusagen.