Louise K. Böhms Protagonistin Jojo würde ihre Herkunft am liebsten verleugnen. Obwohl sie es aus der Vorstadt an eine Kleinstadt-Uni geschafft hat und Molekularbiologie studiert, kommt sie sich oft fehl am Platz vor.
Die Erstis [] malen sich aus, wie sich ihr Leben mit dem Unibeginn fundamental ändern wird. Ihr Tag beginnt mit dem teuren Müsli von Edeka, einer Portion Selbstzweifeln und einem Telefonat mit Mama. Irgendwann, nach der ersten Uniwoche, stellen sie enttäuscht fest, dass sie immer noch die gleichen Menschen sind wie vorher. Dass die Mittelmäßigkeit in ihre DNA eingraviert ist wie ein schlechtes Tattoo. Dann gibt es ihre Gegenstücke. Die Stars dieses Ökosystems. Schlaghosen, Glitzer im Gesicht, jedes Wochenende drei Partys, unter der Woche Vernissagen, Kurzfilmfestivals, Initiativentreffen, Sport. Sie sind ja so lebendig. Sie sind ja so glücklich. Vielleicht hätte ich auch eine von ihnen sein können, wenn die Dinge nicht so gekommen wären, wie sie gekommen sind.
Und dann gibt es Menschen wie mich: die Zwischentöne. Die, die nirgendwo reinpassen.
Eigentlich wollte Jojos beste Freundin Yara nach dem Abitur gemeinsam mit ihr die graue Hochhaussiedlung verlassen. Stattdessen ist Yara damals ohne Erklärung verschwunden. Seitdem hat Jojo starke Probleme, jemandem zu vertrauen. Mit ihrer WG-Mitbewohnerin Melle verbindet sie zwar eine zarte Freundschaft, doch wirklich öffnen kann Jojo sich nicht. Nur die strengen Regeln im Labor sowie fast zwanghafte Desinfektionsrituale geben ihr Halt. Das Labor ist eine Parallelwelt. Ich mag die völlige Ruhe, die Milchglasfolie an den Scheiben, die Notfallpläne und Piktogramme über dem Waschbecken. Mag, dass alles Regeln hat. Dass jeder Handgriff einem Protokoll folgt, und wenn ich es verkacke, bin nur ich schuld.
Als sie Jakob, einen Tutor, kennenlernt, erscheint das Leben wieder leichter. Doch eine geheimnisvolle DVD, die ihr Yaras Mutter zukommen lässt, lassen die alten Wunden und Erinnerungen wieder hochkommen
Ich denke oft an die Leben, die ich nie leben werde. Ich mag es, mir vorzustellen, dass andere Versionen von mir existieren.
Und für welches Leben würdest du dich entscheiden, wenn du die freie Wahl hättest?
Für das Leben, in dem Yara noch bei mir ist.
Louise K. Böhms Schreibstil hat mir sehr gut gefallen. In Jojo und ihre Klassenscham konnte ich mich sehr gut einfühlen. Besonders die Momente, wenn ihr Geldmangel und ihre Herkuft ihr Steine in den Weg werfen, waren unfassbar intensiv.
Eine Mail von der neuen Tutorin mit fünf Ausrufezeichen im Betreff, darin ein Buch für die Modulprüfung. Verpflichtend. [] Mir wird schwarz vor Augen. 159 Euro für ein Buch, das sind sieben vegane Pizzen in dem neuen Restaurant, das sind 106 Filterkaffees beim Ranzkiosk, 88 Packungen Spirelli (die günstigen), 26 Monate Spotify mit Studirabatt, 13 Jahre lang Zugang zu öffentlichen Bibliotheken. Ein Drittel Monatsmiete.
[] Und wie ich da kauere vor dem Kühlschrank, mich abstütze am Getränkefach, immer mit der Angst im Rücken, von Melle entdeckt zu werden, denn wie erklärt man das jemandem, der nicht mit Aldi-Prospekten Lesen gelernt hat.
Ich könnte es ihr sagen. Natürlich. Ich könnte sagen: Mein BAföG-Bescheid ist noch nicht da und die beim Amt gehen nie ans Telefon und das Kindergeld reicht nicht und meine Eltern können nicht helfen und ich rutsche immer weiter in den Dispo und ich habe kein Geld für den Wocheneinkauf und ich muss eigentlich dieses Buch kaufen, sonst falle ich durch die Prüfung, und wenn ich durch die Prüfung falle, muss ich ein Jahr länger machen, und wenn ich ein Jahr länger machen muss, kriege ich kein BAföG mehr, und wenn ich kein BAföG mehr kriege, muss ich arbeiten gehen, und wenn ich arbeiten gehen muss, habe ich keine Zeit mehr zum Lernen und schaffe den Master nicht. Aber was würde das bringen, außer diese heiße Scham, jedes Mal, wenn sie mich ansieht. Mit neuen Augen, unter denen ich plötzlich nicht mehr Jojo, ihre Mitbewohnerin und Freundin bin, sondern Jojo aus dem Block, Jojo mit den Bürgergeldeltern. Wahrscheinlich würde sie so was sagen wie: Hä, also no offense, aber so was weiß man doch vor dem Studium, Maus. Vielleicht würde sie mich aus der Wohnung schmeißen, weil sie Angst hätte, dass ich die Miete nicht mehr zahle. Und was dann.
Auch der Aufbau der Geschichte mit Rückblicken in die Vergangenheit war rundum gelungen; erst zum Ende hin setzt sich nach und nach zusammen, was damals passiert ist.
Kaskaden ist ein berührender Coming-of-Age-Roman über Herkunft, soziale Ungleicheiten, Freund*innenschaft bzw. toxische Beziehungen und über den Mut, nach vorne zu schauen.
Vielen Dank an die Penguin Random House Verlagsgruppe & an NetGalley für das digitale Rezensionsexemplar!