Als ich den Klappentext von Einatmen. Ausatmen. gelesen habe, war ich ehrlich gesagt auf etwas ganz anderes eingestellt. Ich hatte mit einer Geschichte voller Achtsamkeitsklischees, Lebensweisheiten und vielleicht auch einer ordentlichen Portion Esoterik gerechnet. Bekommen habe ich stattdessen einen überraschend klugen, warmherzigen und stellenweise richtig spannenden Roman, der mich deutlich mehr begeistern konnte als erwartet. Die Geschichte begleitet die erfolgreiche Managerin Marlene und den Coach Alex, die beide auf ihre ganz eigene Weise mit den Herausforderungen des Lebens kämpfen. Dabei treffen zwei Welten aufeinander, die unterschiedlicher kaum sein könnten.
Was mir besonders gefallen hat, war die Art, wie Maxim Leo Spannung erzeugt. Das Buch ist kein klassischer Pageturner, der auf jeder Seite mit spektakulären Wendungen um sich wirft. Stattdessen entwickelt sich eine eher subtile Spannung, die vor allem aus den Figuren und ihren Konflikten entsteht. Trotzdem gab es immer wieder Abschnitte, die ich kaum aus der Hand legen konnte. Gleichzeitig regt die Geschichte immer wieder zum Nachdenken an, ohne dabei belehrend zu wirken. Besonders positiv fand ich, dass das Thema Achtsamkeit zwar eine wichtige Rolle spielt, die Geschichte aber nie in esoterische Gefilde abrutscht. Stattdessen bleibt sie angenehm bodenständig und menschlich.
Der Schreibstil von Maxim Leo liest sich sehr flüssig und angenehm. Nach einigen Stimmen zum Buch hatte ich fast erwartet, dass es deutlich humorvoller werden würde. Zwar gibt es immer wieder witzige Situationen und treffende Beobachtungen, insgesamt ist der Ton für mein Empfinden aber etwas nachdenklicher und philosophischer als erwartet. Das hat mich letztlich nicht gestört, weil die Geschichte trotzdem durchgehend unterhaltsam bleibt und die ernsteren Themen gut transportiert werden.
Besonders stark fand ich die Figuren. Die Geschichte wird aus zwei Perspektiven erzählt, wodurch man sowohl Marlene als auch Alex sehr gut kennenlernt. Gerade weil die beiden so unterschiedlich sind, entsteht ein spannender Konflikt, der die Handlung trägt. Beide wirken lebendig, glaubwürdig und vielschichtig. Ihre Stärken und Schwächen machen sie greifbar, sodass man ihre Entscheidungen nachvollziehen kann, auch wenn man nicht immer mit ihnen übereinstimmt. Für mich waren sie der größte Pluspunkt des Romans.
Insgesamt hat mir Einatmen. Ausatmen. sehr gut gefallen. Das Buch hat meine Erwartungen nicht erfüllt sondern sie übertroffen, weil es etwas ganz anderes war, als ich zunächst vermutet hatte. Wer eine intelligente Geschichte über Menschen, ihre Schwächen und die Suche nach Orientierung sucht, sollte hier unbedingt einen Blick riskieren. Für die volle Punktzahl fehlte mir stellenweise etwas mehr Tempo, aber mit 4,5 Sternen ist das für mich trotzdem eine klare Leseempfehlung.