Wie setzte sich die Reformation an ihrem Ausgangspunkt und Zentrum in der Stadt Wittenberg erstmals durch? Beginnend bereits um 1500 untersucht Natalie Krentz bislang unbekannte Zusammenhänge der Wittenberger Geschichte und beschreibt die Reformation als einen längerfristigen Kampf um geistliche Deutungshoheit, für den die Veränderung religiöser Rituale als Mittel der Identitätsstiftung und Abgrenzung entscheidend war.
Whereas the Reformation is a pivotal event in modern history, Wittenberg, its basis and center, was largely unexplored up to now. Attention has been paid only to the short period of the so-called "Wittenberg movement" during Luther's stay at the Wartburg which was, according to modern research, a period of radicalism and social unrest. In turn this view is however a construction of the Protestant culture of remembrance. Against this backdrop, Natalie Krentz answers the question of the Reformation's implementation in the city in a completely new way. She integrates the Reformation into previously unknown long-term social and political contexts of the city's history and understands it in methodological terms as a communicative process of negotiating power over religious issues. Während die Reformation als zentrales Ereignis der neuzeitlichen Geschichte gilt, blieb Wittenberg als ihr Ausgangspunkt und Zentrum bislang weitgehend unerforscht. Beachtung fand nur die kurze Phase der so genannten "Wittenberger Bewegung" während Luthers Wartburgaufenthalt, die der Forschung als Inbegriff von Radikalität und Unruhen gilt. Dieses Geschichtsbild ist jedoch seinerseits eine Konstruktion der protestantischen Erinnerungskultur, die schon auf Überlieferungs- und Medienstrategien der Reformatoren selbst zurückzuführen ist und in der Archivierungspraxis späterer Jahrzehnte weiter tradiert wurde. Vor diesem Hintergrund beantwortet Natalie Krentz die Frage nach der Durchsetzung der Reformation in der Stadt in neuartiger Weise: Die Reformation wird zum einen in bisher unbekannte, längerfristige soziale und politische Zusammenhänge der Stadtgeschichte eingeordnet und zum anderen methodisch als ein kommunikativer Prozess der Aushandlung von Deutungshoheit über religiöse Fragen begriffen, für den die Veränderung religiöser Rituale als Mittel der Identitätsstiftung und Abgrenzung entscheidend war.