Die sogenannten "Tischreden stellen einen intensiv rezipierten Quellenbestand dar. Kaum berücksichtigt wurden jedoch die zentralen Fragen nach der Gattung und der ihr angemessenen Methodik. Durch die Verbindung von Ansätzen der kulturgeschichtlich ausgerichteten Erinnerungsforschung mit exegetischen und literaturwissenschaftlichen Einsichten bietet Ingo Klitzsch hier grundlegende Antworten. Die exemplarischen Analysen weisen die Überlieferungen als hochfluides Material aus, das mehr über die "Tradenten" aussagt als über Luther selbst.
Research on Martin Luther's "Tischreden" has to clarify how to categorise and methodically deal with these collections of his conversations, dinner discourses, letter excerpts, and other miscellaneous texts. By linking the approaches of cultural-historical commemorative research to insights from the fields of exegesis and literary studies, Ingo Klitzsch offers vital answers. The exemplary analyses reveal that the oft-quoted source material actually says much more about the deliverer than about Luther himself. Die sogenannten "Tischreden" werden in der Luther- und Reformationsforschung vorrangig als "Materialsammlung" verwendet. Zu kurz kommt dabei die Frage, wie methodisch verantwortet mit diesen Überlieferungen umzugehen ist. Hier setzt Ingo Klitzsch an und geht innovative Wege. Er berücksichtigt Ansätze der kulturgeschichtlich ausgerichteten Erinnerungsforschung sowie exegetische und literaturwissenschaftliche Einsichten und zeigt auf, dass dieser Quellenbestand der zeitgenössischen Kompilationsliteratur im Allgemeinen und der Apophthegmatik im Besonderen zuzurechnen ist. Von hier entwickelt er Rahmenbedingungen einer gattungsadäquaten Methodik, die er exemplarisch anwendet. Erstmals wird deutlich, in welch hohem Maße und auf welche Weise die verschiedenen Überlieferungen durch die Interessen ihrer "Tradenten" geprägt sind: Die Überlieferungen sind weniger Zeugnisse einer ipsissima vox Lutheri als einer vielschichtigen Luthermemoria und ihrer Trägerkreise.