Rilkes »Exercices et Évidences« vermittelt und vertieft Einblicke in den Schaffensprozess der Spätzeit Rilkes und liefert neue Perspektiven für die Forschung zu seinem Spätwerk. Der Band »Exercices et Évidences, Aus Taschen-Büchern und Merk-Blättern, D`un Carnet de poche und Gedichte 1925-1926« dokumentiert Rilkes letzte lyrische Werkphase. Im frankophonen Teil des Schweizer Wallis lebend, schreibt er zugleich auf Deutsch und Französisch. Die Gedichte sind in Taschenbüchern, Heften, Briefbeilagen und Widmungsträgern überliefert. So entstehen drei eng verbundene Werkkomplexe: die französischen Hefte »Exercices et Évidences«, in denen Rilke seine französischen Gedichte auswählt, überarbeitet und in eigener Folge fixiert; der in Muzot angelegte Band »Aus Taschen-Büchern und Merk-Blättern«, der jüngere und ältere deutsche Texte in neuen Nachbarschaften zusammenstellt; sowie »D`un Carnet de poche«, eine für Maurice Betz eingerichtete Auswahl mit Blick auf eine Publikation in Paris. Matilde Manara rekonstruiert die Dynamik dieser späten Phase: Entscheidend ist, dass sich die Poetik Rilkes nicht nur im einzelnen Text oder mit Bezug auf ein Zyklus-Projekt ausprägt. Die Schreibträger (wie etwa Hefte) geben nunmehr eine Art präzyklischer Konzentration, und das Französische eröffnet Rilke neue sprachliche Möglichkeiten - für klare und auf den Alltag bezogene Gedichte. So tritt die Spätzeit nicht als Nachtrag zu den »Duineser Elegien« und den »Sonetten an Orpheus« in Erscheinung, sondern als ein anderes, ebenso anspruchsvolles Modell poetischer Praxis.