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Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne

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240 Lesepunkte
Buch (gebunden)
24,00 €inkl. Mwst.
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Was wäre, wenn man nicht diese eine Entscheidung getroffen hätte, sondern jene andere? Was wäre, hätte man der Erwartung getrotzt?

Und dann ist da trotzdem die Furcht, feige gewesen zu sein, zu lange gezögert und etwas verpasst zu haben, ein besseres Ich, ein größeres Glück, die lustigeren Haustiere und Partner.

Sasa Stanisic führt uns an Orte, an denen das auf einmal möglich ist: den schwierigeren Weg zu gehen, eine unübliche Wahl zu treffen oder die eine gute Lüge auszusprechen.

So wie die Reinigungskraft, die beschließt, mit einer Bürste aus Ziegenhaar in der Hand, endlich auch das Leben in die eigenen Hände zu nehmen. So wie der Justiziar, der bereit ist zu betrügen, um endlich gegen seinen achtjährigen Sohn im Memory zu gewinnen. Und so wie der deutsch-bosnische Schriftsteller, der zum ersten Mal nach Helgoland reist, nur um dort festzustellen, dass er schon einmal auf Helgoland gewesen ist.

Am besten wäre ja, man könnte ein Leben probeweise erfahren, bevor man es wirklich lebt.

Produktdetails

Erscheinungsdatum
30. Mai 2024
Sprache
deutsch
Auflage
Originalausgabe
Seitenanzahl
256
Autor/Autorin
Saša Stanišic
Verlag/Hersteller
Produktart
gebunden
Gewicht
398 g
Größe (L/B/H)
218/142/27 mm
ISBN
9783630877686

Portrait

Saša Stanišic

Saša Staniši wurde 1978 in Višegrad (Jugoslawien) geboren und lebt seit 1992 in Deutschland. Seine Werke wurden in mehr als vierzig Sprachen übersetzt und viele Male ausgezeichnet. Saša Staniši lebt und arbeitet in Hamburg. Er ist dort Fußballtrainer einer F-Jugend.

Pressestimmen

»Das ist wieder humorvoll, liebevoll, ernst und lustig. Ein großes Sprachfeuerwerk. Für mich ist es eines der besten Bücher dieses Frühjahrs.« Anne-Dore Krohn / SWR Fernsehen - lesenswert Quartett

»Ein einziges Lesevergnügen!« Ijoma Mangold / SWR Fernsehen - lesenswert Quartett

»Ein Buch wie ein Blitzschlag!« Denis Scheck / ARD Das Erste - Druckfrisch

»Saša Staniši ist ein souveräner Sprachzauberer und durchtriebener Menschenkenner.« Franziska Wolffheim / Tagesspiegel

»Ein virtuoses Erzählmanöver voller ausgeklügelter Finessen, leichthändig serviert.« Sigrid Löffler / Berliner Zeitung

»Der Ton, den er in die deutsche Gegenwartsliteratur eingebracht hat, ist einzigartig, ganz ungekünstelt, aber hochkünstlerisch, verspielt und traurig, zart und zupackend.« Alexander Solloch / NDR Kultur

Besprechung vom 29.05.2024

Der Himmel überm Emmertsgrund

Einloggen, sofort: Sasa Stanisic probiert in seinem neuen Erzählband mögliche Vergangenheiten und Zukünfte zwischen Realität und Romantik an. Sie sitzen gut.

Sasa Stanisic, geboren 1978 im damals jugoslawischen Visegrad, 1992 vor dem Bosnienkrieg mit seinen Eltern geflüchtet nach Heidelberg, hat seine Jugend im dortigen Stadtteil Emmertsgrund schon mehrfach zum Thema autobiographischer oder autofiktionaler Literatur gemacht.

Von 1970 an war im Emmertsgrund ein soziales Großwohnbauprojekt der "Neuen Heimat" für etwa siebentausend Menschen entstanden. Idyllisch gelegen am Hang des Königstuhls, teilte es dennoch das Schicksal vieler ähnlicher Projekte: Obwohl ambitioniert geplant, wurde es bald zu einem sogenannten Brennpunkt. 1992 war der Stadtteil längst stigmatisiert.

Mit "Neue Heimat" sind auch der erste sowie der letzte Text in Stanisics neuem Erzählband überschrieben, der keine Gattungsbezeichnung trägt. Man kann also diskutieren, ob es sich um Fiktion handelt. Von einem "Roman" würde man indes wohl eher nicht sprechen (und ist dem Verlag dankbar, dass er dieser Versuchung widerstanden hat, obwohl Verlage zu Verkaufszwecken inzwischen wirklich fast alles Roman nennen), aber dennoch hängen die Erzählungen teils eng zusammen und sind, wie beschrieben, sogar gerahmt.

Sie beginnen in jenem Ton nahe an Kinder- und Jugendliteratur, den Stanisic etwa auch in seinem sehr erfolgreichen Buch "Herkunft" verwendet hat und den er nach wie vor sehr gut beherrscht. "An einem heißen Weinbergnachmittag im Juni 1994" träumen vier junge Emmertsgrund-Bewohner von der Zukunft. "Wie super wäre es, wenn es einen Proberaum fürs Leben gäbe?", fragt einer. "Du gehst in den rein und probierst zehn Minuten aus der Zukunft - wie bei Deichmann, nur nicht mit Schuhen, sondern mit Schicksal."

Das scheint verlockend, zumal wenn man in Betonhochhäusern wohnt, zwischen denen leider nur wenige Bäume gepflanzt wurden. Doch es dämmert Fatih, Piero, Nico und Sasa - "Ausländern in Deutschland", wie es heißt, deren Eltern "Kackjobs oder gar keinem Job" haben - schnell, dass der Proberaum womöglich "eine Kackzukunft nach der anderen" anbieten könnte: "Ist für die meisten leider wahrscheinlich, oder?"

Von dieser Prämisse gehen Sasa Stanisics Erzählungen aus, um sie, teils in Texten aus der Lebenswelt des Autors, teils in Möglichkeitswelten und Science Fiction, durchzuspielen oder auch zu widerlegen. Als Oberthema, manchmal nur als Unterton, haben sie alle die Frage, wie Migranten in Deutschland leben und behandelt werden und wie sie mit traumatischen Erinnerungen umgehen. Wie man an der Geschichte über eine Witwe namens Gisel merkt, die dem Band seinen verschwurbelten Titel gibt, geht in Verbindung mit diesem Thema der Jugendsound nicht immer so ganz auf: "Wegen Kälte hatte die Mutter links nur drei Finger gehabt. Na ja, wegen Kälte und wegen Nazideutschland."

Stanisic, längst auch ein lustiger König der Lesebühnen, setzt auch in diesem Buch wieder viel auf Pointen. Er weiß weiter zu überraschen, wenn er etwa den Fußballer Miroslav Klose als Figur auftreten lässt, und neugierig zu machen, wenn es über eine Figur heißt, sie habe Hausverbot im McDonald's in Winsen, und man sich fragt, warum wohl.

Formal interessant ist, dass andere Erzählungen des Bandes über den Lesebühnen- oder Jugendbuchton dann allerdings weit hinauswachsen. Das gelingt durch eine scheinbar leichthändig geschaffene, aber tiefgründig-vertrackte Erzählstruktur, in der mitunter von Satz zu Satz die Zeitebenen und die Perspektiven wechseln. Schon die Rahmenerzählung spielt mit Leseransprachen. Im Herzstück des Buches, der Erzählung über eine Fahrt nach Helgoland, wird der Autor selbst zur Figur, einmal als Jugendlicher bei einem Besuch auf der Insel 1994, dann als Erwachsener 2023, und beide sind sich dann auch noch darüber bewusst, dass sie sich in der Fiktion eines Autors befinden, dessen Einfälle sie mehr oder weniger gutheißen: Das ist mal eine steile Geschichte, die mit dem Erbe der Metafiktionalisten von Laurence Sterne bis zu Joshua Cohen munter spielt, aber trotzdem abgründig ist und unverkennbar nach Stanisic klingt - ein literarisches Meisterstück.

Während immer klarer wird, dass der Junge, der 1994 vor seinen Emmertsgrund-Freunden behauptet hat, nach Helgoland gereist zu sein, dort nie war, wächst die Erkenntnis, warum er sich diese Geschichte ausgedacht hat und auch viele andere anprobiert wie Kleider (Max Frisch) oder eben wie Schuhe bei Deichmann (Sasa Stanisic).

In der Erzählung "Hochsitz" weiter hinten im Band liest man dann das Komplementärstück zur Helgoland-Geschichte. Es erzählt davon, wie der Autor, als Sechzehnjähriger im Frühling und Sommer 1994, nicht verreist, sondern seine Nachmittage im Wald nahe der Emmertsgrund-Siedlung verbringt. Ausgestattet mit Büchern aus der Stadtbücherei Heidelberg, mit Heine, Kafka, Fallada und Domin, erlebt er seine literarische Initiation und lernt das Tagträumen: "ein anderer sein, um zu vergessen und zugleich zu bestätigen: wer ich war", nämlich "ein Kriegsflüchtling". Mit einem Termin bei der Ausländerbehörde am Donnerstag um 14.30 Uhr und Angst vor Abschiebung.

Plötzlich wird etwa auch deutlich, warum die Nordsee zuvor in der Helgoland-Story "nach Moos, Butterbrot und dem Flüggewerden von Spechtküken" roch: weil sie auf dem Hochsitz im Heidelberger Wald erfunden wurde.

Und während man am Ende zunächst glaubt, auf der Realitätsebene angekommen zu seine - jener, in der ein gestandener Autor Sasa Stanisic im Sommer 2023 für eine Lesung in den Emmertsgrund zurückkehrt, auch den Hochsitz im Wald wiederfindet und sogar seinen dort eingeritzten Namen -, dämmert es einem doch langsam, dass auch diese Realität eine zutiefst romantische Anprobe ist: "Mit der Heine-Lektüre begann ich an einem milden Nachmittag im Mai, 1994. Der Wald surrte und sang, ich las und las. Bald ging die Sonne rotglühend über Frankreich unter, und der Tageslichtrest roch nach Müllermilch Banane." JAN WIELE

Sasa Stanisic: "Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne".

Luchterhand Literaturverlag, München 2024. 256 S., geb.

© Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt.

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Von ins_lebenlesen am 12.07.2024

Eine Ode ans Menschsein und ein Feuerwerk der Erzählkunst

Was erwartet mich in einem Buch, dessen Titel schon eine Geschichte erzählt? Ich bin Fangirl, wenn es um Saša Staniši geht. Hab ihn schon mehrmals live erlebt und würde zu gern mal Mäuschen spielen wenn er als Fußballtrainer einer F-Jugendgruppe in Hamburg seinen Charme versprüht. Er ist ein gefeierter vielfach preisgekrönter Autor, fabelhafter Vorleser und einer von uns, der Junge von nebenan. Nun aber zum Buch: 1994 in Heidelberg, auf dem Weinberg, die Sonne ballert im Frühsommer auf die Betonblöcke der Sozialwohnungssiedlung herab. Ein paar 14jährige fantasieren sich eine geniale Idee zusammen. Was wäre, wenn es einen Proberaum fürs Leben gäbe, in dem du für 130 Mark 10 Minuten einer deiner möglichen Zukünfte probeleben könntest. Wenn Dir gefällt, was du siehst, kannst du dich für 130 Tausend Mark einloggen. Oder weitersuchen nach einer besseren Version. DIE 10 Minuten, in die du dich einloggst, bekommst du auf jeden Fall irgendwann in deinem Leben. Wie verändert Dich das Wissen darüber und das Warten darauf? Oder was wäre, wenn die Zeit einen Moment stehen bliebe? Und Du der, mit der du grad im Raum bist, einen Schnurrbart ins Gesicht malen könntest? Oder die Stille nutzen würdest, um festzustellen, dass andere bisher dein Leben bestimmt haben und jetzt der Moment wäre, die Zügel zu übernehmen? Und gibt es für die altersarme einsame Witwe, deren täglicher Höhepunkt der Gang zum Friedhof ist, auch einen Raum, in dem sie sich neu einrichten kann? Wir wohnen einem Konzert der unendlichen Möglichkeiten des Lebens bei, der zigtausend Abzweigungen, in die wir es lenken können und der Millionen Zufälle, auf die wir keinen Einfluss haben. Wie wahrscheinlich ist es, dass jemand weiß, was es bedeutet, wenn die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne auf dem Grab steht? Minimal? Und doch passiert das Wunder. Man muss nur an das Unwahrscheinliche glauben und bereit sein, sich immer wieder neu zu erfinden. Es sind Geschichten von Menschen, vielstimmig aus allen Ecken der Gesellschaft erzählt. Bitte der Reihe nach lesen empfiehlt der Autor. Und recht hat er. Was zunächst eine Aneinanderreihung von Kurzgeschichten zu sein scheint, findet zueinander und verwebt sich zu einem Klangbild ebendieser Möglichkeiten. Staniši erzählt sprachgewandt (ich bin immer wieder erstaunt, wenn ich daran denke, dass er mit 14 noch kein Wort deutsch sprach), witzig, schelmisch, frech, ironisch, aber auch melancholisch, nachdenklich und anrührend. Er gibt all seinen Figuren, auch den knorrigsten und verschlossensten eine Würde, die von einer großen Liebe zum Menschsein zeugt. Er erzählt in einem Tempo, dass mir schwindlig wird, schraubt Dialoge zusammen, die mich Aufjuchzen und laut lachen lassen und lässt mich in poetischen und nachdenklichen Momenten pausieren. Ein Feuerwerk der Erzählkunst, das ich mit einer Triggerwarnung versehen muss. Nix für FreundInnen linearer Romane in ruhigem Erzählfluss! Das hier ist bunt, wild, fluoreszierend, und absolut zauberhaft, vergnüglich und lebensbejahend. Mit Sätzen, die alles andere als kitschig sind und die man trotzdem in ein Poesiealbum schreiben möchte.
LovelyBooks-BewertungVon KlausEffing am 22.06.2024
Interessante Kurzgeschichten in einem Band. Über die Möglichkeiten des Lebens. Was für ein Titel mag man denken! "Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne": Dies der Tiel einer der zwölf Kurzgeschichten, die Sasa Stanisic in seinem Romanband auf gut 250 Seiten  präsentiert. In der "Titelgeschichte" geht es  um Gisel, die ihren verstorbenen Mann Herrmann oft am Grab besucht. Gisel tastet sich nur sehr langsam und vorsichtig in ein Leben ohne Hermann. Stanisic beschreibt dies in Details. Was ist aber der Aufhänger für diesen Roman? Es sind vier Jungs, die im Sommer in den Weinbergen abhängen und die Idee eines "Probenraums des Lebens" haben. Hier können man schon einmal sehen, wie das Leben verlaufen könne und daher vielleicht auch gegensteuern. Wer nun denkt, die zwölf Kurzgeschichten würden sich nun alle an dieser Idee orientierten, irrt. Manchen der Geschichten sind miteinander verbunden, manche offenbar ohne direkte Verbindung zur Romanidee. Die Geschichten sind so bunt, verrückt und normal; wie das Leben nun einmal so ist. Ob es um das Memoryspiel mit dem eigenen Kind geht, ein Besuch auf Helgoland, in dem der Besucher beschuldigt wird, vor zig Jahren, ein Wirtshausschild gestohlen zu haben, eine schräge Doppelkopfrunde, in der auch ein Panzer eine Rolle spielt und auch die Gründe für die einfachen Lügen im Leben.Das Buch ist ungewöhnlich, gut lesbar, ein wenig könnte den Leser:innen der Zusammenhang fehlen. Ich persönlich fand es ok, aber mich konnte es leider nicht ganz begeistern.