Als Charlie Reade eines Frühlingstages dem eigenbrötlerischen alten Mr. Bowditch das Leben rettet, nachdem dieser von einer Leiter gefallen ist, ahnt er nicht, dass er dadurch in das Abenteuer seines Lebens stolpert. Denn Mr. Bowditch, den er nach seinem Unfall pflegt, hat mehr als ein Geheimnis. Es beginnt mit einem Goldschatz in einem Tresor und endet mit einem geheimnisvollen Schuppen, aus dem eine Treppe an einen sagenhaften und gefährlichen Ort führt... Mit "Fairy Tale" schenkt uns Stephen King, der sonst eher für Spannung und Horror bekannt ist, eine Art modernes Märchen-Crossover, eine Portalfantasy-Geschichte mit Märchenatmosphäre und leichten Gruselelementen. Alles beginnt damit, dass Charlies Mutter stirbt, sein Vater sich dem Alkohol zuwendet und Charlie in seiner Verzweiflung Gott oder das Universum oder wer auch immer ihm sonst zuhören könnte, um Hilfe bittet. Tatsächlich wendet sich seine Situation kurz darauf zum besseren und seitdem meint Charlie, eine Schuld abtragen zu müssen. Deshalb zögert er auch nicht, dem alten Einsiedler Bowditch nicht nur zu helfen, sondern ihn auch nach seinem Unfall zu pflegen. Daraus entwickelt sich schnell eine ungewöhnliche Freundschaft. Daran ist vermutlich auch Radar, eine Schäferhündin und der liebenswerteste Charakter des Buches, nicht ganz unschuldig. Nach und nach stolpert Charlie über die Geheimnisse des Howard Bowditch und entdeckt schließlich den Grund für dessen merkwürdiges Verhalten: er versteckt ein Portal zu einer anderen Welt in seinem Garten. Mehr aus Verzweiflung, denn aus Neugier macht sich Charlie schließlich auf den Weg, diese Welt zu erreichen, weil seine liebgewonnene Hündin Radar im Sterben liegt und es dort eine Heilung für sie geben könnte. Der Ort, der ihn erwartet, kämpft aber mit seinen ganz eigenen, wirklich albtraumhaften Problemen. Die Welt, die Charlie betritt, ist eine kuriose Mischung aus den verschiedensten Märchen und voll von Prinzessinnen, sprechenden Tieren, Riesen, Monstern und bösen Geistern. Denen allen muss Charlie sich gezwungenermaßen entgegenstellen, wenn er Radar retten will. Dabei fällt ihm aber auch das Schicksal der Königsfamilie in die Hände und bevor er sich versieht, wird er zum Helden wider Willen. Dabei hat er eigentlich nicht den Hauch einer Ahnung, was er überhaupt tut. Die Geschichte hat also das Potenzial für ein wahres Abenteuer. Man muss aber auch anmerken: Das Buch hat einen sehr merkwürdig konstruierten Spannungsbogen. Bis Charlie die Treppe in die Welt Empis findet, vergehen mehr als zweihundert Seiten. Auf diesen geschieht recht wenig, trotzdem sind sie, wohl aufgrund des äußerst mitreißenden Schreibstils, ziemlich fesselnd und atmosphärisch. Als Charlie dann endlich den Abstieg wagt, kommt es aber fast schon zu einem Bruch in der Spannung, weil der Fokus plötzlich ein ganz anderer geworden ist: wie ein Buch in einem Buch. Auch danach bleibt es natürlich spannend, aber auf eine ganz andere Weise als zuvor. Das Pacing des Buches ist etwas merkwürdig, man bekommt hier etwas ganz anderes, als man erwartet. Vielseitig unterhaltsam war es aber trotzdem. Gegen Ende wird die Geschichte dann auch wirklich ziemlich abgefahren und auch in akzeptablem Maße ein wenig gruselig, bevor Charlie in einem Moment des Heldenmuts das Schicksal der Welt in seine Hände nimmt und auf die eine oder andere Weise reich belohnt wird. Über manche von seinen Anwandlungen, vor allem einigen Frauen gegenüber, darf man wohl die Augenbrauen heben, da spricht aus ihm ganz der hormongesteuerte Teenager (der sich auf den ersten Blick unsterblich verliebt, natürlich in das erste Mädchen, das ihm über den Weg läuft), aber im Großen und Ganzen spielt Charlie seine Rolle als Prinz und Held ziemlich gut. Zusammengefasst: Charlies Reise ist eine abenteuerliche Geschichte, die sich kaum auf einen Schwerpunkt festlegen lässt. King hat viele - und auch teilweise ziemlich düstere - Märchenelemente zusammengesetzt und mit einem Hauch Mystery kombiniert, damit die eigenwillige Welt Empis dabei herauskommt. Um sich diese vorzustellen, braucht es etwas Kreativität, um einige Lücken zu füllen, die der Autor trotz der Länge des Buches gelassen hat. Vieles wird kaum erklärt, eben genauso wie das in einem Märchen ist. Wenn man sich darauf einlassen kann, dann ist "Fairy Tale" sicherlich eine Reise wert.