Das Patriarchat durchdringt uns alle wie die Luft, die wir atmen. [] Das Patriarchat gewinnt immer.
Jessica Parks ist Richterin und hat insbesondere bei der Verhandlung von Sexualstraftaten klare Vorstellungen von Schuld, Recht und Gerechtigkeit. Doch dann wird ausgerechnet ihr 18-jähriger Sohn der Vergewaltigung beschuldigt und für Jessica und ihre Familie beginnt eine Zerreißprobe, die ihre bisherigen Überzeugungen auf eine harte Probe stellt.
Der Roman verbindet die Fragen nach Schuld und Moral mühelos mit den Themen Mutterschaft, Mental Load und Care-Arbeit, der Benachteiligung von Frauen im Berufsleben sowie toxischer Maskulinität und dem Leben in einem patriarchalen System mit seinen Folgen für alle Geschlechter.
Jessica als Figur war für mich nahbar und authentisch. Ihre Sorge um ihren Sohn und ihre Zweifel, ob sie als berufstätige Mutter eine gute Mutter war und ist, konnte ich gut nachvollziehen. Auch ihren Ärger darüber, dass Haushalt und Mental Load wie selbstverständlich an ihr hängenbleiben, und ihre Auseinandersetzungen mit den teils rückständigen Ansichten ihres Mannes habe ich beim Lesen deutlich mitgespürt. Die anfänglichen Rückblenden zu Harrys Kindheit und Jugend haben mir Jessica zusätzlich nähergebracht, da sie wertvolle Hintergrundinformationen für ihr Denken und Handeln liefern.
Zu der gelungenen Charakterausgestaltung kommen ein mitreißender Erzählstil und eine klare, ausdrucksstarke Sprache. Ich war komplett in der Geschichte drin und konnte gegen Ende, als sich der Konflikt immer weiter zuspitzte, Jessicas Verzweiflung, ihren Schock und ihre Zerrissenheit förmlich selbst spüren.
Inter alia schafft es, aus einem zunächst eher abstrakten Thema einen moralischen Konflikt zu machen, der plötzlich ganz nah kommt und dadurch unbequem wird: Wie steht es um die eigene Moral, wenn wir selbst betroffen sind? Wie urteilen wir über Schuld, Recht und Gerechtigkeit, wenn unser eigenes Kind auf der Anklagebank sitzt? Wenn wir fordern Glaubt den Opfern! müssen wir das dann nicht auch selbst tun, sogar wenn unser eigenes Kind der oder die Beschuldigte ist?
Letztendlich geht es aber auch um die Frage, wie wir unsere Söhne zu Männern erziehen können, die Frauen respektieren und achten in jeder Situation. Und darum, wie wir verhindern können, dass sie selbst an den Erwartungen und Strukturen des Patriarchats zerbrechen.
Inter alia ist ein erschütternder und fesselnder Roman, der zum Nachdenken und Diskutieren anregt und mich sicherlich noch lange beschäftigen wird.