Suzie Miller legt nach dem verdienten Erfolg von "Prima Facie" auf gleichem Niveau nach. Wieder einmal schreibt sie über das Rechtssystem und doch ist dieser Roman noch so viel mehr als der angekündigte moralische Konflikt einer feministischen Mutter.
Denn bevor es überhaupt zum Vergewaltigungsvorwurf gegen ihren Sohn kommt, zeichnet die Autorin erst einmal intensiv ein reizvolles, hochwertiges Bild der Protagonistin: Einerseits knallharte feministische Richterin, andererseits Mutter und Ehefrau, die trotz aller Bemühungen in erlernte Muster rund um Care Arbeit verfällt. Dass sie auf der Karriereleiter weiter oben steht als ihr Mann, verursacht regelrechte Schamgefühle, obwohl sie sich der Ironie dessen bewusst ist. Ich bin beeindruckt davon, dass Suzie Miller es schafft, wie nebenbei und dabei doch so zentral Themen wie Mental Load und die unausgeglichene Belastung in Hetero-Beziehungen in der Geschichte mit zu verhandeln.
Die Autorin zieht die Spannung in der ersten Hälfte immer weiter an. Subtil, aber doch bis in jede Zelle spürbar. Dabei verbindet sie elegant Gegenwart und Vergangenheit, um zum einen herauszubilden, dass ihr Sohn ein sensibler Mensch ist, der in der Vergangenheit intensiv gemobbt wurde und zum anderen, um die Feinheiten ihrer Hetero-Ehe mit Klassenunterschieden abzubilden. Beim Lesen ist spürbar, wie bewusst sie plottet, was sie aber so geschickt tut, dass es sich trotzdem ganz natürlich anfühlt.
Die Gratwanderung zwischen patriarchaler Prägung und feministischem Bewusstsein ist brillant! Jess schwankt bspw. zwischen dem Stolz darüber, als feministische Frau ins Richterinnenamt berufen worden zu sein, und einer tiefliegenden Scham ihrem Mann gegenüber, weil er sich angesichts dieser gefühlten Ungerechtigkeit unsicher fühlt - ist er doch selbst "nur" Kronanwalt. Die natürliche Anspruchshaltung von Männern ist hier ebenso feinsinnig dargestellt wie die erlernte Kleinmachung von Frauen.
Natürlich ist die Ambivalenz sowie die Suche nach einer Wahrheit in Folge des Vergewaltigungsvorwurfs ein emotional zentrales Thema. Jess ist zwar zutiefst feministisch mit dem Anspruch, Betroffenen bedingungslos zu glauben, aber sie ist eben auch Mutter eines feministisch erzogenen Sohnes mit Mobbingvergangenheit. Diese moralische Gratwanderung ist unglaublich gut geschrieben, jeder Absatz enthält wertvolle Gedanken, die mich richtig eingesaugt haben.
Doch was den Roman so besonders macht, sind die Feinheiten um den moralischen Kernkonflikt herum: die Details patriarchalen Denkens sowie feministischen Kämpfens, von Beziehungsdynamiken und Elternschaft. Suzie Miller hat eine Beobachtungsgabe und Präzision wie kaum eine Zweite und zeichnet ihre Figuren voller Ambivalenz sowie emotionaler Tiefe. Das Ende hätte sie nicht besser verfassen können, einfach wieder ein makelloses Werk dieser kämpferischen Autorin.