Ein stiller, kluger Roman über Schuld, Macht und Menschen, die an ihrer Welt zerbrechen
Unschuld war mein erstes Buch von Takis Würger und definitiv nicht mein letztes. Sein Schreibstil hat mich direkt überzeugt. Er erzählt schnell, knapp und eher distanziert, aber genau das hat für mich unglaublich gut funktioniert. Die kurzen Kapitel sorgen dafür, dass man komplett durch die Geschichte getragen wird und trotzdem steckt wahnsinnig viel zwischen den Zeilen.Eigentlich ist das Buch eine Mischung aus Roman und Krimi, aber die eigentliche Stärke liegt für mich woanders. Nicht nur in der Frage, was damals passiert ist, sondern in allem, was dahinter steckt. Die Menschen, ihre Vergangenheit, ihre Familien und diese kaputte Welt, in der sie leben.Besonders Molly ist mir schnell ans Herz gewachsen. Sie wirkt oft still und zurückhaltend, aber gleichzeitig spürt man die ganze Zeit, wie viel in ihr arbeitet. Generell fand ich die Figuren extrem gelungen geschrieben. Niemand ist einfach nur gut oder böse. Alle tragen ihre eigenen Verletzungen, ihre Fehler und ihre Geschichte mit sich herum. Genau das macht das Buch so spannend.Auch die Gegenüberstellung der beiden Familien fand ich richtig stark. Auf der einen Seite die Rosendales mit ihrem Reichtum, ihrem Einfluss und dieser perfekten Fassade und auf der anderen Seite Molly und ihre deutlich einfachere Welt. Dahinter steckt aber viel mehr als nur arm gegen reich. Themen wie Medikamentenabhängigkeit, Waffenprobleme in den USA oder die Todesstrafe werden auf eine sehr kluge Art eingebaut, ohne dass es jemals belehrend wirkt.Die Spannung entwickelt sich eher langsam und genau das hat für mich gepasst. Das Buch lebt nicht von riesigen Wendungen oder permanenter Action, sondern von Atmosphäre, den Figuren und diesem unterschwelligen Gefühl, dass jeder etwas verschweigt. Die Perspektivwechsel haben das zusätzlich verstärkt, weil man dadurch immer tiefer in die Charaktere eintaucht und ihre Entscheidungen besser versteht.Das Ende hat sich für mich total rund angefühlt. Trotzdem hätte ich stellenweise gerne noch mehr gehabt, weil manche Themen und Figuren so viel Potenzial hatten. 100 Seiten mehr hätten dem Buch, glaube ich, echt nicht geschadet.Für mich war das ein wirklich starker Roman mit viel Tiefgang, spannenden gesellschaftlichen Themen und Figuren, die mir deutlich näher gegangen sind, als ich am Anfang erwartet hätte.