Silber. Klingt erst einmal nach Omas Besteckschublade, angelaufenem Schmuck und der Frage, wer eigentlich freiwillig so viel Zeug poliert. Tja, und dann kommt Tillmann Bendikowski um die Ecke und zeigt einem ziemlich eindrucksvoll, dass dieses Edelmetall ganze Reiche reich gemacht, Menschen versklavt und den Welthandel ordentlich auf links gedreht hat.
Die Spur des Silbers liest sich dabei erstaunlich locker. Keine historische Bleiwüste, bei der ich nach drei Seiten heimlich meinen Kaffee spannender finde. Bendikowski erzählt in Szenen, nimmt einen mit zu Minen, Silberflotten, Konquistadoren und Kaufleuten. Plötzlich hängen Spanien, Südamerika, China und der globale Handel an einem glänzenden Metall. Verrückt, wie viele Zusammenhänge mir vorher überhaupt nicht bewusst waren.
Besonders hängen geblieben ist bei mir die dunkle Seite. Hinter Macht und Reichtum standen Ausbeutung, Sklaverei, Hunger und verdammt viel menschliches Leid. Da wird aus dem hübschen Silberbecher plötzlich ein Gegenstand mit einer Geschichte, über die man lieber zweimal nachdenkt. Auch das Kapitel rund um das NS-Raubsilber hat mich ordentlich schlucken lassen.
Ein kleiner Kritikpunkt bleibt. Unter einer Geschichte des Silbers vom Mittelalter bis heute hatte ich mir stellenweise einen noch breiteren Blick über die gesamte Welt vorgestellt. Der Fokus liegt doch ziemlich stark auf Europa und seinen Verbindungen. Ein bisschen mehr Antike hätte mich ebenfalls gereizt.
Trotzdem hat das Buch etwas geschafft, was ich bei Sachbüchern liebe: Danach schaue ich auf einen alltäglichen Gegenstand plötzlich mit anderen Augen. Und vermutlich werde ich beim nächsten Silberlöffel denken: Junge, was hast du wohl schon alles erlebt?