Ein wahres Meisterwerk, das mich berührt und zu Tränen gerührt hat, große Leseempfehlung!
Solange der Fluss wartet von Wally Lamb ist ein berührender Roman, der mich zum Nachdenken gebracht hat. Aus dem amerikanischen Englisch von Ulrike Wasel und Klaus TimmermannApril, 2017: Corby, 35, ist Vater des zweijährigen Zwillingspärchens Maisie und Niko. Seine Frau Emily ist Lehrerin. Aufgrund von Rationalisierungsmaßnahmen hat er seinen Job als technischer Zeichner verloren. Seitdem kümmert er sich um die Kinder und den Haushalt. Er hadert mit seiner Arbeitslosigkeit, insbesondere nachdem er eine Absage nach der anderen kassiert hatte. Er nimmt Antidepressiva und steigert seinen Alkoholkonsum von Tag zu Tag, bis eines Tages eine furchtbare Tragödie passiert, bei der sein Sohn ums Leben kommt.Corby wird zu drei Jahren Gefängnis verurteilt, und wir begleiten ihn vom ersten Tag seiner Haft an. Er freundet sich mit seinem Zellengenossen Manny an, darf eine Zeitlang beim Gärtnertrupp am Fluss hinter dem Gefängnis arbeiten und kümmert sich um den 18jährigen Solomon, der im Gefängnis schikaniert wird.Die Bibliothekarin bittet ihn, eine Wand in der Bibliothek zu bemalen. Corby entscheidet sich für die Landschaft am Fluss hinter dem Gefängnis und baut darin Dädalus und Ikarus aus der griechischen Mythologie sowie Menschen aus seinem Umfeld ein.Kennt ihr die Geschichte von Dädalus und Ikarus? Dädalus will aus einem Labyrinth entkommen und baut für sich und seinen Sohn Flügel aus Wachs, Ikarus wird übermütig und kommt der Sonne zu nahe, seine Flügel schmelzen, und er stürzt zu Boden. Corby sieht Parallelen zu seinem eigenen Leben, da auch hier ein Vater mit schuldig am Tod seines Sohnes war.Eigentlich hätte Corby das Leben im Gefängnis fast unbeschadet überstehen können, wären da nicht zwei Aufseher, die ihm und seinem Schützling Solomon das Leben zur Hölle machen.Wir erfahren viel über das Leben in einem amerikanischen Gefängnis. Positiv fand ich, dass es auch im Gefängnis Treffen der Anonymen Alkoholiker gibt, sinnvolle Tätigkeiten wie die Erstellung eines Wandgemäldes oder die Arbeit im Gärtnertrupp angeboten werden und Bücher aus der Bibliothek ausgeliehen werden können.Schlimm fand ich die Sadisten unter den Aufsehern, deren Schikanen weder vor Mensch noch Tier halt machen.Rassismus und Homophobie sind weit verbreitet. Es werden viel mehr Schwarze und Latinos als Weiße inhaftiert, und die Weißen werden zu kürzeren Haftzeiten verurteilt.Die Schuld am Tod seines Sohnes bringt Corby jede Nacht um den Schlaf. Hinzu kommt, dass Emily ihn nur selten im Gefängnis besucht und seine Tochter von ihm fernhält.Ich habe die 600 Seiten verschlungen, hatte großes Mitgefühl für Corby und kein Verständnis für Emily, die ihren Mann im Gefängnis sich selbst überließ. Andererseits weiß ich natürlich nicht, wie ich reagieren würde, wenn mein Partner schuldig am Tod meines Kindes wäre, vielleicht wäre auch ich dann unversöhnlich.Das Buch endet im Frühjahr 2020 mit dem Beginn der Corona-Pandemie, anschließend folgt ein Kapitel, in dem wir erfahren, wie es der Familie drei Jahre später geht.Das Buch hat mich zu Tränen gerührt und emotional mitgenommen. Wally Lamb hat das Leben nach dem Verlust eines Kindes und das in einem amerikanischen Gefängnis authentisch und emotional dargestellt, was sicherlich auch darauf zurückzuführen ist, dass er jahrelang Schreibworkshops in einem Frauengefängnis angeboten hatte.Von mir erhält das Buch eine große Leseempfehlung und fünf Sterne.