Corby Ledbetter ist mit seiner großen Liebe Emily verheiratet und Vater von Zwillingen. Als er seinen Job verliert und sich als Hausmann um die Kinder kümmert, gerät er in eine Krise und wird abhängig von Alkohol und Antidepressiva. Er verschuldet eine furchtbare Tragödie, an der die Familie zu zerbrechen droht und wird zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Im Gefängnis muss er sich nicht nur mit seiner Schuld auseinandersetzen, sondern wird mit dem rauen Alltag dort konfrontiert, der durch Macht, Willkür, Gewalt und Rassismus geprägt ist.
Die große Stärke dieses Romans liegt in seiner herausragenden, vielschichtigen Figurenzeichnung. Corby ist zutiefst menschlich und glaubwürdig. Er trägt schwer an seiner Schuld, kämpft um seine Ehe und seine Familie, zweifelt, hadert und strauchelt. Auch Emily ist sehr authentisch gezeichnet und hin- und hergerissen zwischen der Liebe zu ihrem Ehemann, ihrer tiefen Verzweiflung, Trauer und Wut. Beide ringen um ihre Zukunft, bemühen sich um einen respektvollen Umgang miteinander und erkennen die inneren Kämpfe des jeweils anderen an. Doch die Kluft, verursacht durch Corbys Schuld, scheint unüberwindbar. Auch der Mikrokosmos des Gefängnisses mit seinen ganz eigenen Strukturen, Dynamiken und Machtverhältnissen ist eindrucksvoll und intensiv geschildert, mit teils starken Nebenfiguren.
Wally Lamb webt in seinen Roman auch deutliche Gesellschaftskritik mit ein, insbesondere in Bezug auf Rassismus und die Gewalt weißer Siedler gegenüber den First Nations.
Mich hat Corbys und Emilys Geschichte beim Lesen sehr berührt. Der Roman entwickelte beim Lesen eine emotionale Wucht, auf die ich nicht gefasst war, und wirkt noch lange nach. Für mich ist Solange der Fluss wartet eines der ganz großen Highlights dieses Jahres und ich habe mich sofort auf die Suche nach weiteren Büchern von Wally Lamb gemacht. Leider werden seine älteren Werke derzeit nicht mehr auf Deutsch verlegt; ich hoffe sehr auf baldige Neuauflagen und empfehle seinen neuesten Roman nachdrücklich weiter!