Solange der Fluss wartet ist eines dieser Bücher, bei denen es mir schwerfällt, nach dem Lesen einfach so zur Tagesordnung überzugehen. Wally Lamb erzählt hier eine Geschichte über Schuld, Sucht, Verantwortung und die Frage, ob ein Mensch nach einem unverzeihlichen Fehler überhaupt noch das Recht darauf hat, glücklich zu sein. Dabei macht er es seinen Leser*innen alles andere als leicht, sich eindeutig zu positionieren.
Im Mittelpunkt steht Corby, zweifacher Vater und Künstler, der nach dem Verlust seines Arbeitsplatzes zunehmend die Kontrolle über sein Leben verliert und in eine Abhängigkeit von Alkohol und Schmerzmitteln gerät. Eine folgenschwere Katastrophe verändert schließlich nicht nur sein eigenes Leben unwiderruflich. Ein großer Teil des Romans spielt anschließend im Gefängnis, wo Corby nicht nur mit seiner Schuld und seiner Trauer konfrontiert wird, sondern auch mit den schwierigen Bedingungen des Gefängnisalltags. Besonders eindringlich fand ich dabei die Darstellung von Abhängigkeiten, Hierarchien und Machtmissbrauch innerhalb des Strafvollzugs.
Corby hat bei mir ausgesprochen widersprüchliche Gefühle ausgelöst. Immer wieder hatte ich Mitgefühl mit ihm, nur um mich kurze Zeit später über sein egoistisches Verhalten zu ärgern und ihn dafür zu verurteilen. Gerade diese Ambivalenz macht die Figur für mich aber so unfassbar glaubwürdig und v.a. auch real. Corby wird weder zum unschuldigen Opfer seiner Umstände gemacht noch auf seine schlimmsten Entscheidungen reduziert. Als Leser*in schwankt man permanent zwischen Verständnis und Anklage und befindet sich damit in einem ähnlichen inneren Konflikt wie Corby selbst.
Wally Lamb wird als Meister der Emotionen bezeichnet und nach diesem Roman kann ich sehr gut nachvollziehen, warum. Besonders beeindruckt hat mich, wie tief er in die Psyche seiner Figuren eintaucht. Gedanken, Ängste, Schuldgefühle und kleine Momente der Hoffnung werden so nachvollziehbar beschrieben, dass die Charaktere regelrecht lebendig werden. Der Schreibstil ist intensiv und emotional, ohne dass die Geschichte für mich künstlich auf Gefühle getrimmt wirkte. Gerade bei einem so schweren Thema hätte der Roman leicht ins Sentimentale abrutschen können.
Solange der Fluss wartet ist keine leichte Lektüre und ganz sicher kein Buch für zwischendurch. Dafür beschäftigt es sich zu intensiv mit Verlust, Schuld, Sucht, Bestrafung und der Möglichkeit von Vergebung. Gerade das hat den Roman für mich aber so lesenswert gemacht.
Ich empfehle das Buch allen, die psychologisch tiefgründige, emotionale Romane mögen und bereit sind, sich mit moralisch schwierigen Fragen auseinanderzusetzen. Für mich liegt die große Stärke des Romans darin, dass ich Corby gleichzeitig verstehen, bemitleiden und verurteilen konnte. Diese Widersprüchlichkeit hat mich bis zum Ende begleitet und wird mir vermutlich noch lange im Gedächtnis bleiben.