Odysseus und ich von Laura Coffey beschreibt eine besondere Reise, nämlich zu Inseln, die mit der Odyssee in Verbindung gebracht werden, zu einer außergewöhnlichen Zeit, denn sie reiste während der Corona-Pandemie.
Da ich schon immer sehr interessiert war an den alten Sagen der Griechen, sprach mich Titel und Cover sowie Klappentext des 2025 im Dumont Verlag erschienen Buches sofort an. Der Originaltitel Enchanted Islands: A Mediterranean Odyssy A Memoir of Travels Through Love, Grief and Mythology fasst noch klarer die Thematik zusammen.
Der Untertitel des Buches lautet: Das Mittelmeer, ein alter Mythos und meine Reise zurück ins Glück. Das klingt nicht nur nach einem weit gespannten Bogen, sondern es ist tatsächlich ein Roman mit vielen Facetten. In vierzehn mit Titeln und Ortsangaben versehenen Kapiteln schildert Laura ihre über mehrere Monate währende und von einer Achterbahn von Gefühlen geprägte Reise.
Aus enttäuschter Liebe und dem Wunsch aus der durch die Corona-Vorsichtsmaßnahmen bedingten Isolation auszubrechen, entschließt sich Laura, angeregt durch die Lektüre des Epos Odyssee, London zu verlassen und ans Mittelmeer zu fliehen. Auf unbestimmte Zeit. Laura beschreibt das so: Odysseus war der Spiegel, mein Zwilling, wir beide auf der Flucht vor Grauen er vor Troja und ich vor Liebeskummer und einem kranken Vater inmitten einer Pandemie. (S. 103)
Mich hat das Buch in mehrerer Hinsicht fasziniert. Einerseits fand ich die Bezüge zu Homers Epos sehr interessant, wo welche Abenteuer, Erlebnisse stattgefunden haben könnten. Andererseits ist Laura Coffeys Schreibstil auch so anschaulich beschreibend, mit einem wunderbar beobachtenden, detaillierten Blick für die kleinen Dinge, Flora und Fauna, ebenso Landschaft, die einheimische Bevölkerung, Kulinarik und Sehenswertes. Sie entführt die Leserschaft nicht nur auf bekannte Inseln wie Sizilien, sondern auch auf kleinere, mir bislang jedenfalls unbekannte. Sie erforscht ihr Umfeld mutig und weitgehend alleine, findet stets aber Kontakte zur Bevölkerung.
Während sie monatelang im Ausland weilt, macht sie sich Sorgen um ihren krebskranken Vater, den sie aber auch nicht besuchen dürfte, wäre sie in Großbritannien geblieben. So durchziehen ihre Reiseberichte auch Erinnerungen an gemeinsame Aktivitäten mit ihrem Vater, vor dessen Tod sie letztlich heimkehrt und um den sie lange Zeit sehr trauert. Das Buch verfasste sie zwei Jahre nach seinem Tod.
Da das Buch in Ich-Form aus Lauras Sicht verfasst ist, erhält man einen sehr persönlich geprägten Eindruck ihres Wesens, kann sehr gut ihren Liebeskummer, Einsamkeit, ihre Corona-Ängste und ihre Sorge um den kranken Vater und ihre Unsicherheit in vielen Lebenslagen nachvollziehen. Dass sie alleine unterwegs ist, fand ich mutig und bewundernswert, ihr tägliches Schwimmen im stürmischen und oft kalten Meer manchmal sogar etwas leichtsinnig. Sie ist selbstbewusst, wissbegierig und offen für Neues.
Ein nicht alltägliches, ein sehr interessantes Buch. Eine unbedingte Leseempfehlung mit 5 Sternen.