Louisa Dellerts Unshame ist für mich eines der wichtigsten feministischen Sachbücher des Jahres und definitiv ein Highlight.
Ausgehend von ihrer eigenen Geschichte als ehemalige Fitness-Influencerin zeigt Dellert, warum unser Körperbild nie nur eine private Angelegenheit ist. Sie verbindet persönliche Erfahrungen mit fundierter Gesellschaftskritik und nimmt dabei Themen in den Blick, die viele Frauen täglich betreffen: die Geschichte von Schönheitsidealen, Pretty Privilege, Diätkultur, Bodyshaming, #SkinnyTok, Social Media und Filter, Schönheitsoperationen, die Kommerzialisierung der Body-Positivity-Bewegung, den Zusammenhang von Schönheitsnormen und Rassismus, die Sexualisierung weiblicher Körper, Scham rund um Vulva und Brüste, Erwartungen an schwangere Körper sowie den gesellschaftlichen Umgang mit dem Älterwerden von Frauen.
Was Unshame für mich besonders macht, ist aber nicht, dass all diese Themen völlig neu wären. Viele der feministischen Debatten waren mir bereits bekannt. Die große Stärke des Buches liegt vielmehr darin, wie Louisa sie vermittelt: verständlich, nahbar und ausgesprochen praxisbezogen. Anhand zahlreicher Beispiele aus ihrem eigenen Leben, aus Social Media und der Popkultur zeigt sie, wie tief Schönheitsnormen in unserem Alltag verankert sind und weshalb sie weit mehr als individuelle Unsicherheiten sind; nämlich Ausdruck gesellschaftlicher Machtverhältnisse.
Besonders schätze ich, dass Louisa dabei nie moralisierend wirkt. Sie spart auch ihre eigene Vergangenheit nicht aus und reflektiert offen, dass sie als Fitness-Influencerin selbst Schönheitsideale reproduziert hat, die sie heute kritisch hinterfragt. Gerade diese Selbstkritik macht ihre Argumentation glaubwürdig und authentisch.
Ich folge Louisa seit 2020 und habe ihren Weg auf Social Media über die Jahre mitverfolgt. Schon ihr erstes Buch WIR. Weil nicht egal sein darf, was morgen ist. hat mich begeistert. Umso mehr freue ich mich zu sehen, wie konsequent sie sich heute für feministische, gesellschaftspolitische und Nachhaltigkeitsthemen einsetzt. Wer ihr noch nicht folgt (falls es diese Menschen überhaupt noch gibt ), sollte das unbedingt nachholen. Auf ihrem Instagram-Kanal ordnet sie regelmäßig aktuelle Beispiele aus Popkultur und Gesellschaft ein, spricht offen über ihre eigenen Struggles (auch im Bereich Mental Health) und schafft einen Raum, in dem man unglaublich viel lernen kann.
Fazit
Unshame ist kein Buch, das einfache Selbstliebe-Parolen verkauft. Es lädt dazu ein, den eigenen Blick auf den Körper grundlegend zu hinterfragen und zu verstehen, warum wir uns überhaupt so oft bewerten. Es verbindet persönliche Erfahrungen mit feministischer Analyse und macht komplexe Zusammenhänge greifbar. Für mich ein unglaublich wichtiges, differenziertes und praxisnahes Sachbuch, das ich aus voller Überzeugung weiterempfehlen kann. Danke an vorablesen.de und den Ullstein-Verlag für das Rezensionsexemplar.