"Zimmer 706" von Ellie Levenson ist als Taschenbuch mit 400 Seiten bei Lübbe erschienen.
Es geht in diesem Roman vorrangig um Kate. Kate, die zwei Kinder und einen treusorgenden Ehemann hat und sich an diesem Tag mal wieder mit ihrer bereits seit 6 Jahren bestehenden Affäre James in einem Londoner Hotel getroffen hat, das sich nun in der Hand von Terroristen befindet. In dieser Zwangslage erleben die Leserinnen und Leser Kates Gefühls- und Gedankenwelt mit und erfahren auf unterschiedlichen Zeitebenen Vieles aus Kates Leben. Außerdem überlegt sie sich, was sie ihrem Ehemann und ihren Kindern im Falle ihres Todes in diesem Hotel mitteilen möchte.
Ellie Levenson versteht es durchaus, mitreißend zu schreiben und die Story konnte mich auch fesseln, gegen Ende hin jedoch etwas weniger als zu Beginn. Sie schreibt bildhaft und eindringlich, plastisch und intensiv. Auf diese Weise entsteht eine besondere Atmosphäre, bei der ich definitiv mitgefiebert habe. Außerdem mochte ich es sehr, wie neutral sie dem Agieren ihrer Hauptfigur gegenübersteht - sie wertet oder verurteilt nicht, sondern überlässt es den Leserinnen und Lesern selbst, sich ein Urteil zu bilden.
Erwartet habe ich aber durch Cover und Klappentext eher einen Thriller, zumindest einen totalen Spannungsroman - das ist "Zimmer 706" allerdings leider nicht. Der Schwerpunkt lag für meinen Geschmack viel zu sehr auf der Protagonistin selbst, ich hätte mir dagegen viel mehr Handlung rund um den terroristischen Anschlag erhofft.
James ist insgesamt ein unsympathischer Mensch, der auch Kate immer mehr zuwider ist, je besser sie ihn kennenlernt - bei früheren Treffen hatten sie ja lediglich gemeinsamen Sex, keine tiefgreifenden Unterhaltungen etc.
Und auch Kate, obwohl sie sich einerseits wirklich sehr um ihre Familie sorgt und auch eine tolle Mutter zu sein scheint, mochte ich im Verlauf des Geschehens immer weniger, denn mit meinen eigenen moralischen Ansichten ist ihre Affäre, auch mit sich zunehmend herauskristallisierenden Beweggründen, nicht zu verteten oder zu entschuldigen.
Eine weitere Komponente ist, dass am Ende eine ganze Menge Fragen offen bleiben, was ebenfalls nicht zu einem Roman nach meinem Geschmack beiträgt!
Allerdings sind Geschmäccker ja definitiv unterschiedlich und die Autorin hat es meisterhaft geschafft, eine kontroverse Story zu erschaffen, die unendlich viel Stoff zum diskutieren und nachdenken bietet - von mir 3,5 von 5 Sternen.