
Besprechung vom 02.06.2026
Aufstieg in New York
Luzia Geier schildert die politische Karriere von Zohran Mamdani
Zohran Mamdani regiert seit einem halben Jahr als Bürgermeister von New York. Seit seinem Amtsantritt ist, wie zu erwarten war, weder der "Kommunismus" ausgebrochen, noch gibt es Spuren einer "Islamisierung" der Stadt. Beides war in den schrillsten Warnungen vor der Wahl von Rechten und Konservativen ernsthaft vorgetragen worden. Mamdani ist bislang vergleichsweise beliebt: Nach seinen ersten hundert Tagen im Amt bewerteten ihn 43 Prozent der New Yorker positiv, 27 Prozent negativ.
Wie der 34 Jahre alte linke Politiker in sein Amt gekommen ist und warum er zum Teil so heftige Reaktionen auslöste, erzählt Luzia Geier, ehemalige US-Korrespondentin der Nachrichtenagentur dpa, nun in einem neuen Buch. Es ist nicht aus einer Haltung neutralen Beobachtens geschrieben. Geier erklärt den Aufstieg Mamdanis bewusst aus Sicht seiner Unterstützer.
Mamdani gab als Kandidat und gibt nun als Bürgermeister so gut wie nie Interviews in ausländischen Medien. Auch Geier konnte für ihr Buch nicht mit ihm sprechen, sondern ihn nur bei Veranstaltungen beobachten. Seine Lebensgeschichte setzt sie aus Porträts und Interviews zusammen, die in der amerikanischen Presse erschienen sind. Doch statt einer Mamdani-Biographie hat die Autorin ein Porträt der Stadt geschrieben, deren Wählermehrheit ihm eine Chance gab.
Mamdani setzte sich als Bürgermeister durch, weil mehrere Faktoren zusammenkamen: Viele New Yorker können sich ihre Stadt kaum noch leisten, und der Kandidat machte "affordability" zum zentralen Wahlkampfthema. Er sprach auch Gruppen an, die um gesellschaftliche Gleichstellung und erst recht um die Teilhabe an politischer Macht immer noch kämpfen müssen: zum Beispiel Muslime wie er selbst, von denen es in der Stadt zwischen 750.000 und einer Million gibt.
Geiers Buch ist dort am interessantesten, wo es um die tatsächlichen Lebensbedingungen vieler New Yorker geht. Die Autorin trifft zum Beispiel den Taxifahrer Richard Chow, der seinen Bruder verlor, als dieser aus Verzweiflung den Freitod wählte. Beide waren durch das jahrzehntealte New Yorker Taxi-Lizenzsystem in Bedrängnis geraten, das auch international immer wieder Schlagzeilen macht.
Die Autorin setzt sich daneben durchaus ausführlich mit der Kritik an Mamdani auseinander. Unaufgeregter als viele andere Beobachter schildert sie, wie der Bürgermeister durch die antiimperialistische Denkweise seiner Eltern, der Filmemacherin Mira Nair und des Anthropologen Mahmood Mamdani, geprägt wurde. Dass Mamdanis Engagement für die Palästinenser und seine kritische Haltung gegenüber der israelischen Regierung ihm häufig den Vorwurf des Antisemitismus einbrachten, wird erwähnt. Dass Kritiker des Bürgermeisters dabei nicht selbst zu Wort kommen, ist eine Schwäche von Geiers Ansatz.
Zum Thema Antisemitismus spricht sie zumindest mit Jacob Kornbluh, einem Journalisten des jüdischen Magazins "Forward", der einen differenzierten Blick auf die vielfältigen Haltungen New Yorker Juden zum Bürgermeister liefert. Dennoch wäre es spannend gewesen, zum Beispiel heutige Eindrücke von Menschen zu lesen, die vor der Wahl Angst vor Mamdani bekundet hatten.
Geiers Buch endet mit den ersten Tagen von Mamdanis Amtszeit. Seither hat der Bürgermeister einigeS von dem auf den Weg gebracht, was er sich vorgenommen hatte. Er ist aber auch an politische, finanzielle und rechtliche Grenzen gestoßen. Der neue Haushalt des Bundesstaats enthält immerhin die progressive Zweitwohnungssteuer, die der Stadt jährlich 500 Millionen Dollar mehr Einnahmen bringen soll - Mamdanis bislang größter Erfolg.
Der Bürgermeister hat inzwischen zwei Schneestürme gemeistert, hat Ostern in christlichen Kirchen, Eid al-Fitr in Gracie Mansion und Pessach bei einem Seder in der "City Winery" gefeiert. Auch wenn die Aufmerksamkeit der meisten New Yorker sich nun auf Mamdanis tägliches Regieren richtet: Der Blick von Luzia Geier zurück auf die Kampagne zeigt nicht nur, wie der Bürgermeister der größten Stadt Amerikas tickt, sondern auch, was viele ihrer Bürger abseits der Glitzerwelt Manhattans beschäftigt. FRAUKE STEFFENS
Luzia Geier: "Zohran Mamdani:
Our Time Is Now". Wie Mut, Haltung und Menschlichkeit Politik verändern können.
Quadriga Verlag, Köln 2026. 240 S., br.
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