Isländische Krimis haben ein ganz besonderes Flair, dem ich mich meist nicht entziehen kann, und Ragnar Jónasson steht schon immer ganz oben auf meiner Must-Read-Liste. Natürlich musste ich deshalb auch Stille von Ragnar Jónasson, erschienen bei btb und übersetzt von Anika Wolff, sofort nach Erscheinen lesen.
Die Erzählweise isländischer Kriminalromane ist eher langsam, und so startet auch Stille gemächlich. Eine bekannte isländische Krimiautorin wird von ihren Freunden als vermisst gemeldet, doch ihre Verlegerin wünsch, dass die Presse möglichst keinen Wind davon bekommen. Kommissar Helgi Reykdal, Huldas Nachfolger auf dem Polizeirevier, selbst ein großer Fan von Kriminalromanen, übernimmt die Ermittlungen.
Mit dem Kommissar Helgi erschuf Ragnar Jónasson, wie schon mit Hulda, einen komplexen Helden mit einer hochinteressanten Hintergrundgeschichte. Helgi hat sich vor Kurzem von seiner gewalttätigen Lebenspartnerin getrennt, und noch immer hat die häusliche Gewalt, unter der er als Mann gelitten hat, tiefe Spuren hinterlassen. Dabei ist Helgi ein äußerst sympathischer und empathischer Ermittler, dem ich gerne über die Schulter schaue. Wie in jedem isländischen Kriminalfall bekomme ich auch tiefe Einblicke in Helgis Privatleben, was ich mich sehr fesselte.
Der Spannungsbogen wurde vom Autor gut angelegt. Immer wieder eingeschobene Interview-Transkripte mit der verschollenen Autorin machen mich neugierig, und so wollte ich unbedingt hinter das Geheimnis ihres Verschwindens kommen. Immer wieder wob der Autor auch Hulda in die Storyline ein, die rund um einen Bankraub 1975 ermittelt. Dies alles sind Zutaten, die mir sehr gefallen. Allerdings gibt es dabei auch ein großes ABER von mir. An vielen Stellen erzählte Ragnar Jónasson für meinen Geschmack etwas zu breit. Leider erschloss sich auch für mich nicht der Zusammenhang zu den Ermittlungen von Hulda im Jahre 1975. Klar, dieser alte Fall hatte Bezug zum Jetzt, jedoch nicht Huldas Arbeit an ihm.
Sehr gut gefallen hat mir Helgis privates Spannungsfeld. Ich konnte seine Angst vor seiner ehemaligen Lebensgefährtin spüren und auch, wie sich die Bedrohungslage immer mehr verschärfte. Den Aspekt, dass ein Polizist selbst, noch dazu als Mann, Opfer häuslicher Gewalt wurde, und die Scham, die damit bei Helgi einherging, konnte ich fühlen. Aus diesem Grund, und noch dazu wegen des wirklich fiesen Cliffhangers am Ende, werde ich natürlich auch zum nächsten Band dieser Reihe greifen, auch wenn es nicht der stärkste Krimi des Autors war.
Mit 3,5 von 5 Sternen bescherte mir Stille trotzdem spannende und atmosphärische Lesestunden, auch wenn ich ab und an das Tempo in der Storyline ein klein wenig vermisste.