
Besprechung vom 07.07.2026
Ein fiktiver Angriff auf Taiwan
Was würde passieren, wenn China seine Drohungen wahr macht? Andreas Fuldas Antworten überzeugen nicht
Wie weit kann ein Wissenschaftler gehen, um Aufmerksamkeit auf ein Thema zu lenken? Andreas Fulda hat sich entschlossen, für Taiwans Bedrohung durch China den Bereich der sachlichen Analyse zu verlassen und stattdessen ein fiktionales Szenario zu entwerfen. In "Wenn China angreift" entwickelt er eine mögliche Verkettung von Ereignissen, die zum Krieg um Taiwan, zur Einnahme der Inselrepublik durch China und letztlich zu einer neuen geopolitischen Ordnung im Zeichen autoritärer Staaten führen. Er will damit einen "Warnruf" absetzen, weil es "zu viele beunruhigende Anzeichen einer bevorstehenden geopolitischen Katastrophe" gebe.
Da Fulda ein, wie er selbst sagt, "worst-case-Szenario" beschreibt, ließe sich lange darüber streiten, ob Taiwans Aussichten wirklich so düster sind, wie er sie darstellt. Spannender aber ist, ob Deutschland und Europa sich tatsächlich nicht ausreichend mit der Möglichkeit einer Eskalation in der Taiwanstraße auseinandersetzen - und ob sein Buch die Debatte darüber bereichert.
Fulda legt seine Gedanken, auf denen das Szenario beruht, im zweiten Teil des Buchs in Form von vier Thesen und einem Frage-und-Antwort-Kapitel dar. Ein Kern ist dabei seine Sicht, Chinas System werde "zu häufig weichgezeichnet". Tatsächlich setzt sich in der Forschung zunehmend die Erkenntnis durch, dass Peking unter Staats- und Parteichef Xi Jinping die Zügel massiv anzieht. Es ist aber noch nicht zu erkennen, dass diese Sicht Politik und Wirtschaft maßgeblich beeinflussen würde.
Einige Politiker wie der Unions-Fraktionsvorsitzende Jens Spahn und Finanzminister Lars Klingbeil von der SPD äußerten sich zwar zuletzt äußerst kritisch gegenüber Peking. Doch im selben Zeitraum schlug Wirtschaftsministerin Katherina Reiche zuerst bei einem Besuch in Peking und dann bei einer Reise des chinesischen Wirtschaftsministers nach Europa freundliche Töne an.
Deutschland hat nach Russlands Angriff auf die Ukraine schmerzlich gemerkt, wie abhängig das Land von dem Aggressor war. Rückschlüsse für Abhängigkeiten von China wurden trotzdem kaum gezogen - obwohl die Folgen viel weitreichender wären.
Fast beiläufig weist Fulda auf den sehr zentralen Punkt hin, dass im stark integrierten, friedlichen Europa seit dem Zweiten Weltkrieg Eroberungskriege unvorstellbar geworden sind. Xi Jinping dagegen macht immer wieder unmissverständlich klar, dass Taiwan mit der Volksrepublik "wiedervereinigt" werden müsse. Die Einheit des gesamten als chinesisch empfundenen Territoriums und die uneingeschränkte Souveränität über dieses Gebiet sind ein zentrales nationales Bedürfnis. Diese Vorstellung muss man in Europa begreifen, da hat Fulda recht, um Pekings Handeln verstehen zu können.
Deutschland und Europa müssen sich also ernsthaft mit der Taiwanstraße auseinandersetzen und dann kluge Entscheidungen treffen. Leider kann dieses Buch vermutlich nur in beschränktem Maße dazu beitragen. Das Szenario bleibt an vielen Stellen sehr platt. Es gibt die Guten, die sich für Taiwans Unabhängigkeit einsetzen und durchweg gut wegkommen. Und es gibt die Bösen - Verräter im taiwanischen Militär, Funktionäre der chinafreundlicheren Parteien, amerikanische CEOs, die Taiwans Unabhängigkeit aus Geldgier und persönlichem Vorteil verkaufen. Differenzierte Antworten auf die komplexen Fragen um Taiwans Status und Verteidigung enthält das Szenario nicht.
Hintergründe erfährt der Leser zwar insbesondere im Frage-und-Antwort-Kapitel, allerdings scheint dort an vielen Stellen trotz des sachlichen Tonfalls Fuldas Position durch. Zur Frage "Was ist Taiwans völkerrechtlicher Status?" etwa legt er ausschließlich Argumente dar, die die Staatlichkeit der Inselrepublik unterstreichen. Taiwans Status lässt sich aber anhand einer Vielzahl von Verträgen, Konventionen und Definitionen erörtern, und man folgt noch nicht unbedingt Pekings Lesart, wenn man feststellt, dass Experten sie sehr unterschiedlich bewerten.
Zudem, und das ist die größte Kritik, regt das Szenario beim Lesen starke Emotionen an, wenn etwa der abschließende Satz lautet: "Eine geopolitische Wende hat stattgefunden, ein düsteres neues Zeitalter ist angebrochen." Wer keine anderen, ebenfalls möglichen Szenarien für die Taiwanstraße kennt, kann durch die Lektüre leicht Panik vor der nahen Zukunft bekommen. Angst und aufgeheizte Stimmung aber führen selten zu wohlüberlegten Maßnahmen - die wir bräuchten. SARA WAGENER
Andreas Fulda: Wenn China angreift. Ein Szenario.
C.H. Beck Verlag, München 2026. 155 S.
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