Ich starte in die Geschichte, indem ich den Brief lese, den Professor G. Manning an Sebastian im Namen von HappyHead geschrieben hat. Darin erfahre ich, dass er zur Pilotrunde ausgewählt wurde und die Teilnahme verpflichtend ist. Der Ansatz soll sein, dass die Teilnehmenden eine echte Chance auf nachhaltiges Glück erhalten. Das Programm dauert 13 Tage, verläuft ohne Kontakt zur Familie und ohne Internet.
Danach lerne ich Sebastian selbst kennen, der von allen eigentlich nur Seb genannt wird. Seine Eltern und seine Schwester fahren ihn zum Camp. Hier zeigt sich schon, wie wenig die Eltern von ihrem Sohn halten und wie viel Hoffnung vor allem die Mutter in dieses Programm setzt. Sie ist fest der Meinung, dass Seb das Ganze guttun wird. Erzählt wird Happy Head aus Sebs Sicht und seinen sarkastisch-humorvollen Erzählton mag ich sehr. Ich habe die Gelegenheit, ihn dank seiner Gedanken und Erinnerungen besser und intensiv kennenzulernen. Insgesamt ist der Beginn für mich eher informativ und interessant als spannungsgeladen und packend. Dafür ist die Atmosphäre schon jetzt subtil bedrohlich, was aber auch an Sebs ängstlichem Vermeidungsverhalten liegen mag.
Das Erzähltempo ist mir anfänglich ein bisschen zu gemütlich. Dabei merke ich gar nicht, wie mich die Entwicklungen immer mehr in ihren Bann ziehen. Aus dem diffusen Gefühl, dass hier etwas merkwürdig ist, wird Beklemmung, als die Aufgaben immer extremer werden. Mit einem Mal kippt die vermeintliche Leichtigkeit in eine bedrückend-bedrohliche Stimmung, die mich packt. Die psychologischen Abgründe werden immer perfider. Das liegt auch daran, dass sich das Geschehen im weiteren Verlauf in zwei verschiedene Richtungen aufteilt. Auf der einen Seite webt Josh Silver eine feinfühlige queere Liebesgeschichte ein. Diese gibt mir beim Lesen emotionalen Halt, macht durch ihre Kontraste aber gleichzeitig nur noch deutlicher, in welch düsterer Realität sich Seb eigentlich befindet. Auf der anderen Seite offenbart sich erst im letzten Drittel die wahre, erschreckende Dimension hinter dem gesamten Konzept von HappyHead. Die Entwicklungen werden immer beängstigender und ich bin davon sehr überrascht. Keine der vielen geschickt gelegten Wendungen sehe ich wirklich kommen. Immer mehr verheddere ich mich in diesem gruseligen Geflecht von HappyHead und frage mich, wohin das alles führen wird.
Sebs Entwicklung ist beeindruckend. Er handelt nicht aus Egoismus, sondern aus dem tiefen Wunsch heraus, den Menschen zu gefallen, damit sie ihn mögen und er dazugehören kann. Ich freue mich, dass er seinen sarkastischen Humor beibehält und finde es super, wie er anfängt, die Geschehnisse zu hinterfragen. Er beginnt, sich nicht mehr beeinflussen zu lassen und bildet sich eine eigene Meinung. Er setzt Vertrauen in Finn, obwohl dieser ihm anfangs kaum Anlass dazu gibt. Auch Eleanor, eine weitere Teilnehmerin aus seinem von HappyHead bestimmten Team, tut alles dafür, um Finn schlecht dastehen zu lassen und Misstrauen zu säen.
Die queere Liebesgeschichte wird leise erzählt und entwickelt sich langsam, da Josh Silver den beiden Zeit lässt sich plausibel näher kommen zu können. Durch die Extremsituationen und die emotionalen Zuspitzungen der Challenges entsteht eine Art enges Band, denn der psychische Druck schweißt sie logisch und intensiv zusammen. Während Seb vorsichtig ist, ist Finn von Beginn an so selbstbewusst, dass er das System stört, indem er seinen Unmut lautstark kundtut. Er glaubt an seinen Instinkt, was ihn faszinierend macht, aber natürlich auch Probleme anzieht, die Seb lieber vermeiden würde. Obwohl die beiden so unterschiedlich sind, tun sie sich gegenseitig gut.
Eleanor bringt ebenfalls eine spannende Dynamik ins Spiel. Sie ist überambitioniert und will unbedingt unter den Top 10 sein. Dafür ist sie bereit, moralische Grenzen ohne mit der Wimper zu zucken zu überschreiten, sobald es die Aufgaben verlangen. Ich bin fasziniert von ihrer unerschütterlichen Systemtreue und ihrer Kompromisslosigkeit.
Die restlichen Nebencharaktere dienen eher der Entwicklung der Geschichte und unterstreichen die wachsenden Grausamkeiten. Sie verleihen dem Ganzen zwar Tiefe, haben selbst aber kaum Raum zur Entfaltung.
Josh Silvers Stil, die Geschichte aufzubauen und zu erzählen, ist wirklich toll. Es bleibt stets flüssig und leicht zu lesen. Die düsteren Themen werden immer wieder aufgelockert, sodass ich emotional mitfühle, aber dennoch Hoffnung schöpfen kann. Besonders mit den perfiden Challenges fesselt er mich ans Geschehen und lässt meinen Puls hart ansteigen. Happy Head baut so einen Sog auf, dass ich völlig in der Hoffnung gefangen bin, das Ganze würde einen positiven Ausgang nehmen. Doch Josh Silver macht mir einen großen Strich durch die Rechnung. Er spitzt die Situation immer weiter zu und treibt die Geschichte extrem voran, ohne einen wirklichen Showdown einzuläuten. Stattdessen baut er eine für mich grausame Wendung ein und lässt mich mit einem fiesen Cliffhanger sitzen. Ich möchte so dringend wissen, wie es weitergeht, dass mir die Wartezeit auf die Fortsetzung viel zu lange vorkommt.
Fazit:
Happy Head entwickelt einen ungeheuren psychologischen Sog, der mich trotz eines ruhigen Starts völlig gefesselt. Josh Silver liefert hier einen genialen, beklemmenden dystopischen Jugendthriller ab, der mich mit einer bedrohlichen Atmosphäre und Charakteren überzeugt, die mir tief unter die Haut gehen.