Ich habe im Laufe der Jahre nun schon mehrere historische Romane aus der Feder von Michelle Marly gelesen (insbesondere ihre Romanbiografie "Romy und der Weg nach Paris" hatte ich geliebt), daher wusste ich im Vorfeld, dass der Schreibstil mir sehr wahrscheinlich zusagen würde.Der Inhalt klang vielversprechend:¿ eine Undercover-Mission gegen Ende des 19. Jahrhunderts,¿ im Fokus: pensionierte Künstler:innen sowie eine junge Krankenschwester - interessant auch im Hinblick auf die Rollenverteilung in der Gesellschaft,¿ Setting: die charmante und kulturell ansprechende Stadt Weimar - Heimat von Johann Wolfgang von Goethe, dessen Figur in "Die Leiden des jungen Werther" Lotte ihren Namen verdankt.Was mir nicht gefallen hat - wobei dies keineswegs der Autorin anzulasten ist: Der Klappentext nimmt zu viel Information vorweg. Meiner Meinung nach hätte beispielsweise der Tod Marie Seebachs darin überhaupt nicht erwähnt werden müssen, da er sich erst ziemlich spät in der Handlung ereignet und somit ein wichtiges Spannungselement der Story direkt zunichte gemacht wird.Weiterhin haderte ich ein wenig mit der Vielzahl an Perspektiven. Von der alternden Diva (und Auftraggeberin) Marie und ihrer Pflegerin Lotte war ich ausgegangen, doch hinzu kamen auch die Sichtweisen von Thea, Dorothee, Bernhard ... Mir wären maximal zwei Perspektiven lieber gewesen, aber das ist natürlich Geschmackssache. Die Figuren waren technisch gut ausgearbeitet, gekonnt vermischt die Autorin Fakten mit Fiktion. Die zart aufkeimende Romanze und die atmosphärischen Beschreibungen ließen die eigentliche Story - die Aufklärung der Geschehnisse in der Villa - für mich in den Hintergrund rücken. Dafür war das Ende kein übertriebener Zuckerguss, sondern überzeugte durch eine realistische Entwicklung.Mein liebstes Zitat:"[...] Im Gespräch findet man schneller eine Lösung als im einsamen Nachdenken."¿¿¿¿¿: Solider, gut recherchierter historischer Roman - von mir gibt es eine Empfehlung für Fans des Genres und Weimar-Begeisterte.