Zufriedenstellender Abschluss der Dilogie, der jedoch nicht mit Band 1 mithalten kann
Düsterer als in ihren vorangegangenen Buchreihen, schreibt Miriam Georg auch im zweiten Teil ihrer "Nordwind-Saga" die Geschichte um die "kleineren und größeren Unpässlichkeiten" der illustren Hamburger Oberschicht und die Sorgen und Nöten der einfachen Bevölkerung weiter. Wobei man bei den Herausforderungen, vor denen Alice - unsere Hauptprotagonistin - steht, schon gar nicht mehr nur von Sorgen sprechen kann. Musste sie im ersten Band um das Wohl ihrer Tochter und um ihr eigenes Leben fürchten, so drehen sich in Band zwei all ihre Gedanken um den Verbleib ihrer Tochter. Entführt vom eigenen Vater, um Alice erneut durch die Hölle gehen zu lassen...In zwei Zeitebenen lässt uns die Autorin weiter an Alices Erlebnissen teilhaben, wobei ich nicht sagen kann, welche Ereignisse ich schrecklicher finde. Da sind zum einen die Jugendjahre weit weg von der Familie, in denen sie wie ein Wanderpokal herumgereicht wird und immer wieder in den Abgrund der menschlichen Seele blicken muss. Und zum anderen das Leben als Ehefrau und Mutter, nun aber in einem "Versteck" vor ihrem gewalttätigen Ehemann und auf der Suche nach ihrer Tochter, die wie vom Erdboden verschluckt zu sein scheint...Tatsächlich schienen in diesem zweiten Band einige der mir liebgewonnenen Charaktere wie vom Erdboden verschluckt. Gut, Alices Tochter wurde entführt und man hatte lange Zeit überhaupt keine Ahnung, wo ihr Vater sie versteckt halten würde. Aber auch Alices Bruder Jaris spielte nur noch eine Rolle am Außenrand, kam immer wieder nur mal kurz "durchs Bild gelaufen", um nicht gänzlich in Vergessenheit zu geraten. Auch über das ehemalige Dienstmädchen der Familie Reeven, Sala, bleiben die Informationen spärlich. Das große Spotlight richtet sich glühend heiß und blendend grell auf die gutbetuchte Hamburger Oberschicht, allen voran Familie Reeven mit all ihren Allüren und mittleren Geheimnissen. Und während ich von Villen mit Zinnen und Türmchen, von gewaltigen Kaminen mit steinernen Figuren, von geschwungenen Treppenaufgängen mit roten Teppichen sowie von gläsernen Kuppeln lese, drängt mein Mageninhalt nach oben. Ich muss schwer schlucken ob all der Pracht und Herrlichkeit, wobei es Verschwendungssucht und Größenwahn wohl eher trifft. Übelkeit hält mich gefangen, ich kämpfe mit Ekel. Wurde dieser Pomp vielleicht bewusst von der Autorin so deutlich hervorgehoben, um genau diese Reaktion beim Leser hervorzurufen? Ich weiß es nicht... Was ich weiß ist, dass es mich beim Lesen unheimlich gestört hat. Ich wollte mehr über den Verbleib des Kindes erfahren, mehr über das angestrebte Scheidungsverfahren, mehr über die Holsten-Brauerei (die eigentlich kaum mehr erwähnt wurde), mehr über Alices Eltern. Stattdessen "badete" ich förmlich im Leben derer, die mit dem goldenen Löffel im Mund geboren wurden und es so wenig zu schätzen vermochten. Sicherlich passierten hier auch einige interessante Dinge, die jedoch nicht darüber hinwegtrösten konnten, dass die Geschichte ansonsten im ziemlich "seichten Gewässer" schipperte. Als ich bereits mehr als 3/4 des Buches gelesen hatte, tauchten endlich die Personen auf, wegen derer ich die Geschichte doch eigentlich zu Ende lesen wollte. Aber sowohl Rosa, als auch Jaris und Sala wurden mehr oder weniger auf der Zielgeraden wieder ins Bild gerückt, ohne dass mich die Zusammenführung der Handlungsstränge befriedigen konnte. Es kam mir vor, als ob die Autorin kurz vor Ende der Geschichte gemerkt hatte, dass einige wichtige Personen noch fehlen und dass diese dringend wieder auf der Bildfläche erscheinen müssen. Das ließ so manche Frage unbeantwortet.Was mir in diesem zweiten Teil definitiv fehlte, waren kleine, unsichtbar eingewobene Rückblicke auf die Geschehnisse in Band 1. Auch wenn ich das Glück hatte, den Folgeband gleich im Anschluss lesen zu können, stelle ich es mir für diejenigen Leser schwer vor, die zwischen dem Ende des ersten Teils und dem Erscheinen von Band 2 eine Wartezeit zu überbrücken hatten. Gerade dann ist es angenehm, mit kleinen Rückblicken das Erinnerungsvermögen des Lesers wieder aufzufrischen und bei ihm einige "Ach ja, genau so war das - Momente" auszulösen.Die Rückblicke auf Alices Vergangenheit (die zweite Zeitebene) jedoch, war intensiv und detailliert ausgearbeitet, so dass ich mir so manches Mal gewünscht hätte, ich könnte diese Seiten einfach überspringen. Es war teilweise unerträglich, Alices Vergangenheit mitzuverfolgen und durch die intensive Schilderung der Ereignisse, auch mitzuerleben. Bei mir flossen viele Tränen.Das relativ offene Ende lässt auf einen dritten Band hoffen. Warum aus der Dilogie keine Trilogie werden lassen? Historische Ereignisse, die ihre Schatten bereits in Band 1 vorauswarfen und in Band 2 tatsächlich eintrafen, würden es verdienen in einem Folgeband zum Hauptschauplatz zu werden. Meiner Meinung nach ist die Geschichte noch nicht auserzählt. Ich würde mich über eine Fortsetzung freuen.