Influencer, Manosphere und Looksmaxxing der heutigen Zeit lassen grüssen
Der schöne Dorian bekommt ein Portrait, dass wie gewünscht an seiner Stelle altert und zum Wrack wird, während der echte Dorian äusserlich jung und schön bleibt. Auf dem Weg dahin gibt es viele Gespräche und nur hier und da kurze Spitzen mit Action. Schauplatz ist die Londoner Oberschicht Ende des 19. Jahrhunderts.Der Roman ist kurz, aber voll mit bedeutungsvollen Konversationen und philosophischen Überlegungen. Er enthält zeitlose menschliche Gefühle, bildet auf wenigen Seiten so viel ab und ist ein verdienter Klassiker.Mir gefällt besonders die Figur Lord Henry Wotton. Er ist ein Zyniker, der den Lesenden gegenüber gleich auf den ersten Seiten als grossmäuliger Manipulierer entlarvt wird. Er verherrlicht Hedonismus, verachtet alles und jeden und behauptet, jugendliche Schönheit sei der Schlüssel zum wahren Glück. Leider durchschaut der junge, beeindruckbare Dorian seinen älteren Freund nicht und lässt zu, dass dieser mit seinen Worten einen bleibenden schlechten Einfluss auf ihn hat. Beispiel:"I am afraid that women appreciate cruelty [...] We have emancipated them, but the remain slaves looking for their masters, all the same. They love being dominated."Influencer, Manosphere und Looksmaxxing der heutigen Zeit lassen grüssen.Ich habe im Voraus den Wikipedia-Artikel zu Wilde gelesen und eine Ausgabe mit Kommentaren gewählt (Robert Mighall). Wegen Wildes damals illegaler Bi- oder Homosexualität (das Buch mit seinen homo-erotischen Stellen wurde gegen ihn als Beweismittel verwendet) finde ich die Lektüre nochmals spannender.