Ein solider Kriminalfall im Königsberg von 1924 ¿ spannend, aber mit Schwächen bei der Recherche und Figurenzeichnung.
Im Königsberg des Jahres 1924 ereignet sich ein Mord. Am Tatort hinterlässt der Täter mit dem Blut des Opfers geschriebene hebräische Buchstaben. Der jüdische Kommissar Aaron Singer wird von Berlin nach Königsberg geschickt. Es bleibt nicht bei einem Mord.Der Kriminalfall funktioniert durchaus. Die Reihenfolge der Morde und die späte Einführung wichtiger Personen sind nicht ganz plausibel, Spannung kommt dennoch auf.Die hebräische Schrift kennt keine Vokalbuchstaben, auch das Aleph steht nicht einfach für ein "A". Dass dieser Fehler ausgerechnet der historisch verbürgten Figur Reinhard Lewin, bis 1938 Rabbiner in Königsberg, in den Mund gelegt wird, ist besonders ärgerlich. Nur wegen dieser Zeichen kommt Singer überhaupt nach Königsberg. Dass der Autor in einem Schlüsselmoment des Romans ungenau recherchiert hat, lässt mich an den übrigen Recherchen zweifeln. Ebenfalls schwach ist die Figurenzeichnung. Besonders die Femme fatale Ella bleibt blass: Wir erfahren vor allem, welche Wirkung sie auf Singer hat, statt sie selbst kennenzulernen. Auch die übrigen Figuren zeichnet Thiesen oberflächlich. Die Frauen werden zudem deutlich stärker sexualisiert, die Männer kaum. Hier sehe ich viel Potenzial für die folgenden Bände.Sprachlich ist der Roman unspektakulär. Gefallen haben mir vor allem die ostpreussischen Einsprengsel.Ein solider Kriminalfall, aber Zweifel an der Recherchegenauigkeit und eine schwache Figurenzeichnung überzeugen mich nicht. Es gibt bessere historische Krimis, die in den 1920er-Jahren spielen.