Man ist direkt wieder voll in der Welt!
Gleich vorweg, obwohl das wohl eh klar ist: es bringt überhaupt nichts, diese dritte Trilogie um Fitz den Weitseher zu lesen, wenn man die ersten beiden nicht gelesen hat. Allerdings kann ich all jene beruhigen, bei denen die Lektüre dieser beiden Trilogien etwas zurückliegt - man braucht sie nicht unbedingt vorweg noch einmal zu lesen (obwohl es natürlich nicht verkehrt ist und diese neue Trilogie kann ja auch ein freudiger Anlass zur Wiederlektüre sein, zumal die beiden alten Trilogien + die Trilogie um die Zauberschiffe neu aufgelegt wurden bei penhaligon), denn Hobb webt in bewährter Manier so viele Erinnerungen und Bezüge in die Handlung ein, dass sich viele Leseeindrücke aus den ersten Bänden wie von selbst wiedereinstellen.Ich muss zugeben, dass ich leichte Bedenken hatte, waren doch die ersten beiden Trilogien mir so lieb und teuer und hatten bei mir, trotz vieler offener Fragen und möglicher weiterer Geschichten, den Eindruck einer Geschlossenheit hinterlassen, die ich nicht leichtfertig aufgeben wollte; ich zögerte, das Universum der sechs Provinzen, der Gabe und der Alten macht, noch einmal für neue Geschichten zu betreten. Gott sei Dank habe ich dann aber doch nicht widerstehen können, denn Hobb beweist auch im ersten Band ihrer neuen Trilogie, dass sie nicht nur die bewährte Qualität liefern, sondern auch weiterhin mit der Tiefe ihrer Figuren und vielen kleineren und größeren Wendungen und Ideen immer neue Dimensionen ihrer Welt erschließen kann, auf die man als Leser*in auch sofort erpicht ist.Und Hobbs Fantasy-Welt ist eine besondere, denn sie ist nicht gezimmert aus Schlachten, großen Held*innen und jedweder anderen epischen Ausprägung, sondern bezieht ihre Magie vor allem aus einem sehr feingliedrigen Herausarbeiten und Vorantreiben der Handlung und wird hauptsächlich getragen von den reichen und sehr sorgsam dargelegten Innenleben und Interaktionen ihrer Figuren. Natürlich geht es auch um Ränke und Intrigen, Prophezeiungen und König*innen, Liebe und Tod, etc., aber es sind die menschlichen Dilemmata, die Komplexität der Gefühle, Regungen (der entfesselten und der stillen), Gedanken und Beziehungen, die einen Hobbs Bücher mit großem Gewinn lesen lassen, ebenso wie die Einbeziehung von Themen wie Alter und die damit verbundenen Gebrechen, Krankheiten wie Alzheimer, Hinterfragungen zu Themen wie Geschlechtlichkeit oder Tierwohl und vieles andere; die phantastischen Elemente bilden bei all dem nicht den Kern, sondern eher die Fassung.Ich muss zugeben, dass ich bereits nach den ersten zweihundert Seiten ziemlich überwältigt war - ich hatte ganz vergessen, was diese Bücher alles verhandeln und wie genau und unschematisch, ohne Klischees, wie gewissenhaft und doch auch mit dem Gespür für die richtigen Distanzen, die Einschränkungen, das Versagen, die Abgründe. "Die Tochter des Drachen" ist ein spannendes Buch, aber gleichzeitig lernt man auch so viel über Beweggründe, Verletzungen, Einschätzungen, Ängste, Erinnerungen, ihre Macht und ihre Wankelmütigkeit und wie nichts feststeht, sondern alles immer im Wandel ist, weil ständig Neues und Altes in einem selbst zusammenfließen und immer wieder Gefühle und Einsichten aufkommen und vergessen werden und ständig gegeneinander antreten.All dies schildert Hobb auf ruhige und doch bemerkenswerte Weise und sie lässt sich die Zeit, die es dafür braucht - und trotzdem hält auch ihr neustes Buch einige Wendungen bereit, die es mit denen ihres Bewunderers Georg R. R. Martin durchaus aufnehmen können.Fazit: Mir hat diese neue Reise in die Geschichte um Fitz sehr wehmütige und mitreißende Stunden beschert. Wie immer ist viel Schmerz mit dabei und wenig Happy End, das kann man schon verraten, obgleich es idyllische Passagen gibt, vor allem am Anfang. Wer nach den ersten sechs Bänden noch nicht genug hat, der*m kann ich diese weiteren Bände bedenkenlos empfehlen.