Mutig, mitreißend, aufwühlend
Das Buch umfasst mehr als 1200 Seiten und ist deshalb in seinem Umfang, aber letztlich auch in seiner vielschichtigen Komplexität sehr schwer in aller Kürze zusammenzufassen. Ich nähere mich deshalb über eine Auswahl der unterschiedlichen Schichten und Ebenen, auf denen man den Roman lesen und besprechen kann.Stimme:Der Stil hat mir gut gefallen. Als Fantasyautorin kenne ich die Herausforderungen des handlungsgetriebenen Schreibens, doch SenLinYu hat einen wirklich flüssigen, authentischen Sprachstil gefunden. Wie alle Autor\*innen hat SenLinYu eine Vorliebe für ein paar Worte ¿ das Wort Kehle kam zeitweise sehr, sehr häufig vor und hätte sicher das eine oder andere Synonym oder eine Umschreibung vertragen. Und doch hat mir auch die Übersetzung ansonsten sehr gut gefallen, toll gemacht! Vor allem hat SenLinYu mich über die starke Innensicht, Helenas (körperliche/gedankliche) Reaktionen auf alle heftigen Geschehnisse (Kriegsschauplatz) mitgerissen.Figuren:Ich schätze, hier liegt (wenigstens u. a.) der Kern in dem, was Alchemised zu so einer BookTok-Sensation gemacht hat. Und auch da gibt es viele Aspekte, auf die man eingehen kann.Dramoine/Fan-Fiction:Unter den Lesenden ist es mittlerweile ziemlich bekannt, dass die Inspirationsquelle bzw. der Ursprung der Geschichte eine Dramione-Fanfiction ist. Also einer Fan-Geschichte aus dem Harry-Potter-Universum, basierend auf der Vorstellung oder der Frage, was passiert wäre, wenn aus Draco Malfoy und Hermoine Granger ein Paar geworden wäre. Für Menschen wie mich, die wenig bis gar nicht mit Fan-Fiction betraut sind, war es sehr spannend, einen Einblick zu erhalten, wenn man sich um den Roman herum mit der Rezeption beschäftigt. Allerdings habe ich die Parallelen in Alchemised nur noch sehr schwach herausgelesen, die zentralen Themen und Handlungen haben für mich nichts mit Harry Potter zu tun.¿Morally Grey¿ aka BadVor allem Kaine Ferron ist eine sehr polarisierende Figur. Er ist nicht der klassische Bad Boy, ein Aufschneider oder Weiberheld ¿ im Gegenteil. Und doch ist er ¿ bad. Bad im Sinne von schlecht. Gewalttätig, besitzergreifend, egoistisch. Ein Mann, der ein gigantisches Trauma hinter sich hat, und dies irgendwo wegverschlossen hat.Natürlich kommt einiges davon mit der Zeit ans Licht, doch bleibt er bis zum Ende jemand, der, selbst, wenn nach und nach mehr über ihn und seine Motive herauskommt, allein durch seine zahllosen Kriegsverbrechen, aber auch das, was er Helena antut, niemals reingewaschen werden kann oder soll.Dies ist ein Punkt, der extrem viel kritisiert wird. Ich verstehe das. Aber ich hatte das Gefühl, dass es nie Ziel der Autorin war, den Mann als ein Schaf im Wolfspelz darzustellen. Vielmehr ist und bleibt Kaine ein zutiefst gestörter Charakter, ein Teil einer wachsenden, düsteren, Stockholm-Syndrom-eingegossenen Co-Abhängigkeit zwischen Helena und ihm.Auch seine Unnahbarkeit, seine Verschlossenheit, seine Sicht auf die Welt sind sehr interessant, für mich jedoch im Kern weder sympathisch noch attraktiv ¿ etwas, das mir gut gefallen hat! Die Tatsache, dass Kaine alles andere als ein Traummann ist und man doch Helens Beweggründe nachvollziehen kann, so düster sie auch sein mögen.SenLinYu schildert Kaine teils auch durch die Wahrnehmung der Außenwelt, die ihm durchweg mit Abneigung und Feindseligkeit begegnet ¿ von beiden Seiten. Allein Helens Wahrnehmung weicht ab. Als Leserin einer personal erzählten Geschichte habe ich verstanden, warum Helena fühlt und denkt, wie sie es tut, selbst, wenn ich froh war, nicht in ihren Schuhen zu stecken.Es gibt Kritik an dieser Beziehung, vor allem an den Sexszenen, der Gewalt, dem besitzergreifenden Kaine. Ich verstehe diese Kritik, orientiere mich in meiner Bewertung jedoch letztlich an meinem ganz persönliche Leseerlebnis. Für mich hat die Geschichte für einen ständigen Zwist, für Unglauben, Erregung und Spannung gesorgt ¿ alles Dinge, die ich beim Lesen gerne erlebe, im Gegensatz zu Langeweile oder sogar Ärger, wenn es unglaubwürdig wird oder mir der Stil nicht gefällt.Ich fühlte mich angezogen, abgestoßen, angeekelt, aufgeregt ¿ und das ist, was ich von einem Buch will.