Ich war recht lange zwiegespalten bei diesem Buch. Die Idee und die Kulisse sind wirklich sehr gut.Das Beginnt damit, dass wir in die Handlung starten, wo die meisten Bücher enden würden: Am Ende der Vernichtung des Widerstands.Die Autor*innen hätten vielleicht eine Academy-Story daraus gemacht oder wären damit gestartet, wie der Aufstand langsam erstarkt und zum Krieg wird mit all seiner Grausamkeit, aber voller Heroik.Das wird einem in diesem Buch später auch fast alles geliefert mittels Rückblick, aber die Autorin hat sich dazu entschieden zu starten, als alles verloren ist. Das fand ich stark.Auch mit der Tatsache, dass die Protagonistin eine Gedächtnisblockade hat, sorgt zunächst noch dafür, dass sie ein guter Ankerpunkt für die Leserschaft ist und wirkt wie ein Damoklesschwert über den ersten Teil der Geschichte.Das Setting ist düster und hat wie das Cover es bereits andeutet, fast schon etwas stylisches mit dem rot der Kleidung der Protagonistin im ganzen grau und schwarz ihrer Umgebung. Die Grausamkeit des Krieges wird deutlich und bleibt bis zum Schluss - auch die Propaganda der Siegesmacht, die danach die Geschichte schreibt und bestimmt woran sich erinnert wird, ist gut in Szene gesetzt.Das Ganze wird weiter untermauert durch die Form von Magie. Auch diese ist düster, gerade durch die Nekromantie und den Todeslosen etc. Es ist morbide, kreativ und gut dargestellt. Ein Glossar am Ende hilft bei der Orientierung zwischen den ganzen Alchemie-Klassen und Arten.Auf der anderen Seite weist dieses Buch erhebliche Schwächen auf. Die meisten Punkte lassen sich vermutlich darauf zurückführen, dass die Autorin unerfahren ist und das merkt man ihrem Stil an. Trotz der enormen Seitenzahl und auch obwohl die Geschichte durchaus ihre Längen hat, sind viele (wichtige) Beschreibungen erstaunlich oberflächlich, vor allem wenn es um die Beschreibung von Emotionen geht. Bindungen zwischen den Figuren kommen nicht gut rüber, egal ob es um die schwierige Bindung zwischen ihr und Kaine geht oder zwischen ihr und ihren sogenannten Freunden vom Aufstand.Mir ist in diesem Buch zu viel behauptet, während dann das Gegenteil geschildert wird - sprich die Konstruktion ist nicht gut. So haben wir hier einen Widerstand mir praktisch null taktischem Geschick in Sachen Kriegsführung - wie die sich überhaupt solange halten konnten, ist mir ein Rätsel.Was jedoch viel präsenter und schlimmer ist, ist die bedingungslose Loyalität der Protagonistin gegenüber diesem Widerstand. Die Autorin brauchte das einfach als Ausgangslage, während alle Schilderungen, wie diese Institution mit ihr umgehen, dies völlig unlogisch erscheinen lassen. Sie wird rassistisch behandelt, geknechtet, ausgegrenzt, ausgebeutet, verheißt, verkauft, missbraucht usw. und dennoch reift in ihr nie die Idee, dass sie schlecht behandelt wird und das vielleicht nicht mehr mit sich machen lassen könnte.Angeblich alles wegen ihrem besten Freund Luc und vielleicht noch Lila. Bindungen kann die Autorin aber dummerweise nicht, wie bereits erwähnt. Auch diese ist wieder rein behauptet, was wir sehen ist, dass Luc und Lila sie weitestgehend links liegen lassen und wenig bis gar kein Verständnis für sie aufbringen, sie belehren, zurechtweisen - aber sie waren als Jugendliche an der Akademie relativ nett zu ihr, anders als alle anderen, ach so na dann...Das ist Kernstück der Geschichte und dennoch so wenig untermauert. Das lässt die Protagonistin nicht unbedingt gut dastehen. Schlimmer noch für die Figur von Luc, denn der steht völlig als Idiot dar - der von nichts weiß und nie etwas merkt, an seiner eigenen Sekte glaubt und praktisch kein Charakter hat. Aber auch alle anderen Figuren sind erstaunlich flach.Man fragt sich fest, wofür die ganzen Seiten gebraucht wurden. Trotz der fast 1300 Seiten entwickeln sich die Charaktere nicht nennenswert. Am wenigsten die Protagonistin, auf Seite 900 ist immer noch genauso passiv und selbstzerstörerisch dumm wie auf Seite 10. Sie handelt nie, sie plant nicht, sie nimmt nichts selbst in die Hand, sondern die agiert immer nur auf das, was andere ihr antun. Das ist schon extrem frustrierend muss ich sagen.Ich muss auch sagen, ich bin kein Fan von push-and-pull-Dynamiken. Die strecken eine Geschichte für mich nur unnötig, hier wird das aber fast schon zur Absurdität gedehnt. Auch hier wieder, die Grundidee ist nicht schlecht - den Klassiker von "verbotener Liebe", verstärkt durch widrigster Umstände, die sie auf Gedeih und Verderb aneinander schweißen.Ich hatte mehrere Stimmen gehört, die das Buch abgebrochen haben oder stark kritisiert haben, weil sie eine "Lovestory" mit ihrem Vergewaltiger eingeht.Ich verstehe den Punkt, würde aber nicht sagen, dass diese in dem Buch verherrlicht oder weg romantisiert wird. An der Stelle war ich übrigens ganz froh, dass die Autorin nicht gut darin ist emotionale Szenen zu beschreiben. Aber das Trauma welches es bewirkt wird mehrfach geschildert.Man muss auch die Rahmenbedingungen beachten, der Krieg, das Zuchtprogramm welches ihr sonst gedroht hätte, die Wahl zwischen Pest und Cholera, ihre bewusste Entscheidung, sich trotzdem für ihre Gefühle zu entscheiden und die Folgen daraus.Was ich allerdings vorher nirgends gehört hatte war, wie krass die Protagonistin Kaine emotional missbraucht und das immer und immer wieder, ohne das irgendwer der Figuren das reflektieren würde, geschweige denn Konsequenzen daraus erwachsen.So scheint im zweiten Teil er regelrecht emotional von ihr abhängig - das geht über jede Form von Liebe hinaus. Sie nutzt das ganz bewusst aus, um ihn zu manipulieren - das sie auch Gefühle für ihn hat, macht es nur noch schlimmer. Die Krönung ist jedoch, dass sie ihn zum Verräter erklärt, als er nur das tut, was sie wollte und sie aber mit den Konsequenzen daraus, an die sie nicht gedacht hat, nicht umgehen kann - dafür macht sie ihn dann verantwortlich und sie hatte doch immer klar gesagt, dass sie sich nie für ihn entscheiden wird, dann ist er doch im Prinzip selbst schuld. Das ist so eine Redflag. Aus meiner Sicht ist ER derjenige, der ganz dringend aus dieser toxischen Beziehung raus muss.Mit Liebe hat das alles nichts zu tun. Man kann aber auch kaum behaupten, dass die Figuren normal wären - sie sind bis auf die Knochen traumatisiert und haben ganz direkte Einschränkungen des Gehirns - nur wirklich reflektiert wird das natürlich nicht - schon gar nicht von den meisten Leserinnen, die das hier als "epische Dark-Romantasy" bezeichnen.