
Wenn Geschichte zur Warnung wird
Ein hochaktuelles Buch, das die Lehren aus dem Scheitern der Weimarer Republik auf die Herausforderungen unserer Gegenwart überträgt - fundiert, provokant und relevant für alle, die unsere Demokratie stärken wollen.
Was wir aus Weimar lernen müssen
Warum scheiterte die erste deutsche Demokratie so schnell - und was bedeutet das für uns heute? In "Wenn das Gestern anklopft" versammeln der Historiker Thomas Weber und der Philosoph und Aktionskünstler Philipp Ruch 19 internationale Stimmen, die das Ende der Weimarer Republik neu deuten und daraus konkrete Strategien für den Umgang mit Rechtsextremismus, Populismus und Desinformation ableiten.
Kapitel und Beiträge - ein Auszug
Ein Buch für wache Geister
"Wenn das Gestern anklopft" ist kein historisches Lehrbuch. Durch die Rückschau nimmt es stets Bezug auf unsere Zeit heute. Wer sich für politische Zusammenhänge interessiert, wer Geschichte als Werkzeug zur Gegenwartsanalyse versteht und wer sich nicht mit einfachen Antworten zufriedengibt, findet hier kluge Impulse und neue Perspektiven.
Besprechung vom 23.10.2025
Der Nationale Geschichtsrat hat das Wort
Autoritäre Kräfte im Visier: Ein Sammelband widmet sich der Weimarer Republik als historischem Lehrstück
Hier hat sich ein ungewöhnliches Duo für eine Geschichtslehrstunde zusammengefunden: Thomas Weber, Visiting Fellow der konservativen Hoover Institution, und Philipp Ruch, Kopf des weniger konservativen Zentrums für Politische Schönheit. Die Krise liberaler Demokratien und den Aufstieg populistisch-extremistischer Bewegungen vor Augen, wählen sie für den von ihnen herausgegebenen Sammelband mit Beiträgen internationaler Autoren einmal mehr die Weimarer Republik als historisches Lehrstück.
Dabei kritisieren sie zwei gegenläufige Denkweisen im öffentlichen Umgang mit Geschichte: einerseits eine reflexhafte Dramatisierung jeder politischen Krise als Vorzeichen eines neuen Faschismus, andererseits die Ablehnung historischer Analogien, als sei jede Gegenwart gänzlich neu und unvergleichbar. Beides verkenne den eigentlichen Wert historischen Wissens: Wenngleich sich Geschichte nicht eins zu eins wiederhole, ließen sich in ihr doch Muster menschlichen Verhaltens und gesellschaftlicher Dynamik erkennen.
Ruch und Weber plädieren für eine neu zu justierende "Applied History", die nicht so sehr auf moralisches Gedenken zielt als vielmehr auf die politische Nutzbarmachung von Geschichtswissen. Ein historisch geschultes Urteilsvermögen jenseits von Alarmismus und Gleichgültigkeit soll demokratische Resilienz befördern. Die Fixierung auf das Schicksalsjahr 1933 halten sie für einen Fokusfehler: Zu oft werde das Ende der Weimarer Republik anvisiert, nicht jedoch der schleichende Zerfall der demokratischen Kultur in den Zwanzigerjahren. Daraus aber lasse sich mehr für unsere Gegenwart lernen: über Mechanismen der Radikalisierung, emotionale Verunsicherung, soziale Spaltung und Schwäche demokratischer Erzählungen.
So lustig-lässig-lästig Ruchs Aktionskunst bisweilen daherkommt, irritiert ob ihres autoritär anmutenden Steuerungsgedankens seine Empfehlung, einen Nationalen Geschichtsrat (mit Sitz im Erweiterungsbau des Kanzleramts!) einzurichten. Womöglich überschätzt er da, was Geschichte und ihre professionellen Gralshüter zu leisten vermögen. Ruch weist ihnen neben der Funktion der Erinnerung eine Schutzfunktion zu und spricht von "Komplizenschaft", sollten sie aufgrund ihres besseren Wissens nicht vor dem Eintritt irreversibler Fehlentwicklungen so professionell wie öffentlich vernehmbar (im Gleichklang?) tätig werden.
Am konkreten Vergleich übt sich Weber, und zwar zwischen Adolf Hitler und Donald Trump. Einen solchen hält er nur dann für sinnvoll, wenn er nicht auf platte Gleichsetzungen hinausläuft, sondern als analytisches Werkzeug dient. Hitlers Denken war kollektivistisch, staats- und ideologiezentriert. Der NS-Staat verstand sich als Ordnungssystem zur Überwindung des vermeintlichen Naturzustands menschlicher Konkurrenz. Trumps Politik dagegen entspringt einem übersteigerten Individualismus: Sie fußt auf Misstrauen gegenüber Institutionen, einem transaktionalen Politikverständnis des Deal Making und persönlicher Ranküne. Beide politische Varianten gefährden die Demokratie - Hitler durch totalitäre Überformung, Trump durch institutionelle Aushöhlung. Die nicht allzu erstaunliche Lehre daraus lautet: Demokratieverfall und Illiberalismus haben verschiedene Gesichter.
Ein weiteres zentrales Argument des Bandes zielt auf die emotionale Dimension von Demokratien. Ihnen falle es schwerer als extremistischen Bewegungen, wirkmächtige Narrative von Sinn, Schutz und Zugehörigkeit zu schaffen. Aus dieser nicht brandneuen Erkenntnis (Stichwort: Böckenförde-Diktum) leiten Ruch und Weber die Forderung ab: Demokratien müssen Begriffe und Werte - wie Freiheit, Sicherheit, Solidarität - zurückerobern, bevor sie von autoritären Kräften umgedeutet werden. Zugleich bedarf es einer entschiedenen Abgrenzung gegenüber Extremisten. Weimar zeige schließlich: Zu viel Nachsicht und anbiederndes Verhalten, zumal von konservativen Kräften gegenüber Rechtsextremisten, unterminiere die demokratische Kultur. Es fragt sich allerdings, wie Konservative rund um die Deutschnationale Volkspartei einst eine solch klare Abgrenzung hätten vollführen sollen. Schließlich waren sie alles andere als republiktreue Demokraten.
Dieses bunt komponierte, in jedem Fall anregende geschichtspädagogische Weimar-Revival vermengt historiographische Einsichten mit dem durchaus Optimismus versprühenden politischen Anspruch, Geschichte als "Humanisierungsquelle" zu nutzen und sich in Selbstaufklärung zu üben. Die mag mit einer Erkenntnis beginnen, die gegen zögerliches Abwarten spricht, weil Demokratien nämlich nicht erst und ausschließlich mit einem großen Knall gewaltsam sterben. Sie zerfallen sukzessive, wenn sie aufhören, überzeugende Geschichten über sich selbst zu erzählen. ALEXANDER GALLUS
Philipp Ruch/Thomas Weber (Hrsg.): "Wenn das Gestern anklopft". Weimar und die Wiederkehr der Geschichte.
Herder Verlag, Freiburg 2025. 281 S., br.
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