Der Sand liegt schwer in der Luft. Von einer Ruhe und Idylle in eine Aufgewühltheit lebendig, aggressiv. Sandstaub steigt auf von kreisenden Autos, von Reifen, die sich bewusst gegen Stillstand stemmen. Motoren heulen, der Boden vibriert, irgendwo lacht jemand laut, nicht aus Leichtsinn, sondern aus Trotz. Wüstensand setzt sich auf Haut und Lippen, in die Haare, in jede Pore. Und genau dort beginnt dieses Buch. Nicht mit Erklärungen. Sondern mit einem Gefühl von Bewegung. Von Jetzt. Vom Hier sein.
Sturmflirren ist kein Roman, der dir eine Geschichte erzählen will. Er lässt ganz ungezwungen etwas verspüren. Er erzählt von Hitze und Enge. Er glänzt, um sich spiegelnd zu verlieren. Er lässt Reibung spüren. Dieses flirrende Dazwischen, das entsteht, wenn man in ein Land kommt, das dich gleichzeitig anzieht und beobachtet. Diese Magie der unverwandten Gesichter, die ein Gefühl in einem erwecken. Ein Aufwühlen erregen. Katar ist hier kein Ort, den man versteht. Es ist ein Ort, den man liest wie eine Stimmung. Glasfassaden im grellen Licht, groß geschmückte Räume und dazwischen die Wüste offen und ehrlich. Um gleichermaßen in der Weite unerbittlich sein zu können.
Alles in diesem Buch vibriert. Die Tage sind zu hell, die Nächte zu geladen. Gespräche tragen mehr Gewicht, weil sie nicht überall stattfinden dürfen. Blicke sind länger, Berührungen riskanter, Entscheidungen endgültiger. Es gibt keine beiläufigen Momente jeder ist aufgeladen mit einer ganz eigenen Energie. Alles ist Bedeutung. Alles hat Konsequenzen. Alles Treiben lässt sich manchmal nicht in Freiheit auflösen. Jedes Gefühl ist intensiv, nicht neutral.
Und mittendrin weibliche Kraft. Nicht als Schlagwort, sondern roh. Erst ganz leise und sanft, um dann lauter zu werden. Emotionaler uns Körperlicher. Frauen, die lernten sich Räume nehmen, statt sie zu erbitten. Irgendwo in der Ferne ihre Wahrheiten leben können. Die nachts fahren, weil der Tag ihnen nicht gehört. Die Geschwindigkeit nutzen, um Kontrolle zurückzuholen. Die wissen, wann sie schweigen müssen, und wann nicht. Diese Stärke ist nicht bequem. Sie ist scharfkantig, aber echt. Die Intensität, die Luft und Versteck gleichermaßen einnimmt.
Was bleibt, ist ein Gefühl von Bestimmtheit nicht laut, nicht triumphierend, sondern ruhig und klar. Dieses Wissen, dass man sich selbst nicht länger belügt. Dass die eigene Wahrheit etwas ist, das man finden und tragen muss, auch wenn es schwer wird. Sturmflirren zeigt, dass Anpassung immer einen Preis hat. Und dass Freiheit nicht zwangsläufig bedeutet, zu gehen. Manchmal heißt sie bleiben. Wach bleiben. Fühlen. Loslaufen ins Ungewisse wäre für viele möglich, theoretisch. Doch diese Freiheit ist kein universelles Versprechen. Sie ist ein Privileg, das nicht allen gleichermaßen zusteht. Genau deshalb bleibt Dankbarkeit zurück. Für jede Bewegung, jede Entscheidung, jeden Moment von Selbstbestimmung. Dieses Wissen zieht sich leise, aber unerbittlich durch jede Seite von Sturmflirren.
Es ist ein Buch über erste Male, ohne sie zu romantisieren. Über Nähe, ohne Sicherheit zu versprechen. Geschichten über das Erwachen werden und das Lernen. Über ein Land, das glänzt und gleichzeitig sichtbare und unsichtbare Grenzen zieht. Geschichten über junge Frauen, die lernen, dass ihr Körper kein Nebenschauplatz ist, sondern ein politischer Raum. Von Gefahr und Chancen. Von gelebter Gegenwart und der hoffnungsvollen Zukunft.
Als ich es aus der Hand gelegt habe, hatte ich diesen feinen Staubfilm im Kopf. Dieses Flirren hinter den Augen. Wie nach einem Abend, an dem man zu lange draußen war, zu viel gesehen hat, zu ehrlich zu sich selbst war. Es lässt die Hitze noch spüren. Weil Staub in der Luft hängt, lange nachdem die Seiten geschlossen sind. Weil dieses Flirren unter der Haut weiterarbeitet leise, unbequem, wach.
Taucht ein in diese Seiten und lasst Euch tragen von der Geschichte und den Begegnungen. Einnehmen vom Wirbelsturm der Erzählung, bis einen dieser auf der letzten Seite wieder befreit von den fesselnden Zeilen.